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Wenn die schönste Nachricht ins tägliche Kopfchaos crasht

Ich unterbreche die Transsib-Reisebericht Serie – und die zugegeben wieder einmal längere Blog-Pause – für Breaking News: Ich bin schwanger. Das Wunschkind ist sozusagen work in progress! Die Fragen, wann es denn endlich auch bei uns soweit ist, können jetzt aufhören. Überhaupt wäre es schön, wenn die permanente Fragerei nach Vermehrungsplänen ganz generell auf eine allgemeine Tabuliste gesetzt werden würde, denn sie spricht öfter einen wunden Punkt an, als die Neugierigen vielleicht vermuten oder nervt zumindest gewaltig.

Jedenfalls, hab ich mich entschlossen über das zu schreiben bzw. vielmehr das zu veröffentlichen, was gerade in mir vorgeht, denn üblicherweise tendiere ich ja dazu, das Bloggen bei größeren Lebensumbrüchen entweder anzufangen oder aufzuhören. Damit das Blogprojekt also nicht gleich wieder stirbt, versuche ich also weniger zu filtern. Man wird sehen, wo das hinführt…

Nachrichten überbringen sollte irgendwo gelernt werden

Sorry an alle, die es möglicherweise erst jetzt über meinen Blog erfahren sollten. Ich bin sehr schlecht in Allem, wo zeremonielles und würdevolles Vorgehen angemessen wäre.

Meinem Vater habe ich es ausversehen in einem Nebensatz am Telefon verraten, weil ich eine Frage zum Mutterschutz hatte. Also nichts mit kreativer Frohe-Botschafts-Überbringung mit Zuhilfenahme von Torten oder T-Shirts oder anderen niedlichen Wegen, wie Leute in Filmen oder auf Pinterest so eine gute Nachricht verkünden.

Bei einer Freundin dachte ich sogar, dass ich es ihr schon gesagt hätte und habe dadurch für etwas Verwirrung gesorgt, aber man lernt ja auch nicht, wie sich die Überbringung von Nachrichten richtig gehört. Reicht eine Whats-App Nachricht oder muss es eine kleine Theateraufführung sein?

Das gute Zeichen

Eine Schwangerschaft ist ja auch eigentlich jetzt nicht so etwas Besonderes in meinem Alter, aber trotzdem ist es sehr faszinierend und schön zu sehen, wie viel Freude man den Menschen machen kann, wenn man ihnen erzählt, dass man ein Kind erwartet. Irgendwie muss es in unseren Genen festgeschrieben sein, dass die Geburt eines Kindes ein gutes Zeichen ist.

Nur im noch kinderlosen Freundeskreis sind die Reaktionen öfter etwas verhaltener. Weil es eben auch ein Verlust ist, wenn zwei Freunde bald nicht mehr für jeden Spaß verfügbar sind. Aber dazu im nächsten Blogpost mehr.

Am schönsten ist die Freude, die mein Partner und ich damit haben. Es ist ein sehr eigenes, neues Gefühl. Plötzlich weiß man, dass da noch jemand kommt, dass man jetzt zu dritt ist irgendwie, aber so ganz verstehen tut man es nicht. Es ist etwas, dass man zu zweit gezeugt hat und doch hat man keinen Einfluss darauf, wie es dann tatsächlich wird. Einerseits ist es schon da, aber selten muss man auf irgendwas so lange warten, bis man es tatsächlich hat. Die Spannung ist schwer zu ertragen, gleichzeitig kommt einen vor, die Zeit vergeht zu schnell und man ist nicht mal annähernd irgendwie vorbereitet. Eine seltsame Freude.

Schwangerschats Reality Check

Ich wusste relativ früh, dass ich irgendwann ein Kind haben und schwanger sein möchte. Schon allein der Erfahrungen wegen. Und ja, es ist spannend, zu beobachten, was die Hormone im Körper so alles mit dir anstellen. Zum Beispiel, wenn du über bestimmte Themen nicht mehr reden kannst, ohne in Tränen auszubrechen, während, dir gleichzeitig bewusst ist, wie bescheuert das gerade ist.

Aber so wunderbar wie viele behaupten, finde ich die Schwangerschaft an sich bisher ehrlich gesagt nicht. Bis auf die kurzen Momente, wo ich mein Baby im Ultraschall sehen kann oder wenn ich das unangenehme Gefühl habe, meine Brüste würden explodieren, fällt es mir häufig noch schwer mir vorzustellen, dass da jemand in mir wächst.

Obwohl ich mich auf das Kind so sehr freue, wie auf noch nie irgendetwas anderes, bin ich häufig frustriert und matt. Von der angeblichen Besserung der Schwangerschaftsbeschwerden, die sich ab den 3. Monat einstellen sollte, bemerke ich wenig. Auch im 5. bin ich noch ständig erschöpft und kann mich meistens nicht einmal für sanftes Entspannungs-Yoga aufraffen. Ich kann fast nicht glauben, dass es wirklich nur ein Kind ist, dass mir hier die Energie aussaugt.

Mit meinen Vorsätzen, mich supergesund zu ernähren und brav Fitness zu machen, war es so ziemlich gleich mit Einnistung der Eizelle in die Gebärmutter vorbei. Tatsächlich esse ich seither ungesünder als vorher – die Gelüste sind real – und nicht für zwei sondern für drei. Denn während ich zwar glücklicherweise von der fiesen Schwangerschaftsübelkeit verschont geblieben bin, habe ich konstant Hunger.

Ich will mich nicht beschweren, aber es wäre vielleicht gut, wenn nicht überall verkündet werden würde, dass das zweite Trimester der Schwangerschaft so toll wird.

Ich war auch immer überzeugt, ich würde die Veränderungen meines schwangeren Körpers zelebrieren. Aber stattdessen vergleiche ich mich mit anderen Schwangeren, die überhaupt nirgends außer am Bauch zunehmen und stellte mit neuem Aufmerksamkeitsfokus fest, dass natürlich auch bei schwangeren Models, jede den gleichen Körperbau hat: dünn, groß, strahlend, mit beeindruckender, runder Babybauchkugel. Ich hingegen könnte genauso gut einfach die letzten Wochen zu viel Bier getrunken haben.

Ich wünschte wirklich, mir wäre es egal, wie viel ich in der Schwangerschaft zunehme. Schließlich verbringt mein Körper gerade Höchstleistungen. Ich wünschte ich könnte stolzer auf ihn sein. Ich wünschte ich wäre Feministin genug, um meinen Körper zu lieben, egal ob er leistet, performt und wie er aussieht. Aber es war wohl naiv anzunehmen, dass eine gestörte Idealvorstellung wie Frauen angeblich auszusehen hätten, sich mit der Schwangerschaft in Luft auflöst. Dem zukünftigen Kind zuliebe arbeite ich daran.

„Das hört jetzt nie mehr auf“

Seit ich schwanger bin, mache ich mir auch ständig tausend Sorgen. „Das hört jetzt nie mehr auf“, hat meine Mutter beruhigenderweise gesagt. Und dann die Fragen, ob wir gute Eltern sein werden. Meine Einstellung schwankt zwischen überhöhtem Selbstvertrauen bis hin zur Panik. Vor allem da mich Kinder- und Babygeschrei noch mehr nerven als früher. Das ist wirklich beunruhigend, aber ich hoffe, das geht mit dem eigenen Kind weg.

Die ständigen Aussagen von Eltern im Freundeskreis, wie „Was ich will, spielt sowieso schon lange keine Rolle mehr“, „Unser Plan für den Tag ist einfach, ihn irgendwie zu überstehen“ oder „Das Kind scheißt so viel, uns sind die Windeln ausgegangen“ machen mich jetzt nicht gerade optimistischer.

Ein Kind ist kein Zukunftsplan

Tja und dann waren da noch all die Zukunftsängste. Wie lange können wir in unserer geliebten Miniwohnung bleiben mit Kind? Wohin mit Wickeltisch, Kinderbett und der ganzen Wäsche? Habe ich jetzt die Chance mich selbst zu verwirklichen für immer vertan? Wie geht sich eine größere Wohnung finanziell aus? Denn arbeitslos war ich ja bis vor kurzem auch noch.

In der ersten Panik habe ich mich gleich für einen typischen Studierendenjob beworben und kann nach einem Monat auf „Tour“ in den Käffern Nieder- und Oberösterreichs in denen ich nur sagen: Es gibt eine Zeit für solche Jobs und es ist gut, wenn man diese Phase mit Ende des Studiums abschließt.

Und noch mehr Neuigkeiten

Aber könnt ihr es glauben? Ich habe tatsächlich noch einen Stelle gefunden, wo man sich auch über meine relativ kurze Einsatzzeit von vier Monaten freut, bevor es dann wieder in den Mutterschutz geht. Der Job könnte zwar inhaltlich nicht weiter von dem entfernt sein, was ich bisher gemacht habe. Aber da ich es in der kurzen Zeit der Arbeitslosigkeit nicht geschafft habe, herauszufinden, was ich eigentlich machen will und was ich wirklich kann, kann etwas Neues lernen ja nicht schaden.

Trotz der Erleichterung, dass ich keine arbeitslose Mama mit Notstandshilfe sein werde, hat mir der Gedanke wieder in einem Büro zu arbeiten, die Wochen davor schlaflose Nächte und viel schlechte Laune bereitet.

Der Gedanke, dass ich den Job für das Kind mache, hat mir geholfen meine (unbegründeten) Vorbehalte zu überwinden. Jetzt gehe ich sogar positiv in die Arbeit, lerne jeden Tag etwas Neues und fühle mich gleichzeitig nützlich. Das ist schon mal nicht das Schlechteste beim Arbeiten. Und mit jedem Tag, der sich der Babybauch mehr von einer Bierwampe unterscheidet, gefalle ich mir langsam auch wieder besser. Vielleicht werde ich ja doch noch die Schwangere, die ich sein wollte.

Aber sollte das der letzte Blogartikel für eine sehr, sehr lange Zeit sein, wisst ihr warum.

Transsib Teil 12 – Wladiwostok

Wir sind am Ende der Transsib-Strecke angelangt, haben seit Moskau sieben Stunden Zeit verloren, 8.413,07 km zurückgelegt und fühlen uns wie am anderen Ende der Welt. Östlicher als Wladiwostok geht nicht mehr.

Das San Franzisco des Ostens

Wladiwostok wirkt exotisch und vertraut zugleich. Durchaus mondän. Die Meereslage und die Fußgängerzonen geben ihm etwas Mediterranes, die Architektur ist eine Mischung aus Klassizismus und Jugendstil und erinnert an europäische Innenstädte. Viele Gebäude aus der Gründerzeit (ab 1860) sind gut erhalten. Aber auch die typisch russisch-orthodoxen Kirchen mit den goldenen Zwiebeltürmchen, teilweise gerade erst im Aufbau, prägen das Stadtbild ebenso wie zahlreiche Denkmäler für sowjetische Soldaten und Helden.

Da die Stadt extrem hügelig ist und man sich über steile Straßen quälen muss, macht es nur Sinn, dass Wladiwostok auch das San Francisco des Ostens genannt wird. Dieses Image wird durch die gigantische Brücke, die aus den unterschiedlichsten Ecken der Stadt erblickt werden kann, nur verstärkt. Sie wurde 2012 erbaut und überspannt die Hafenbucht „Goldenes Horn“.

Schlafen – Essen – Sightseeing

Unsere Unterkunft im Hotel Slavyanskaya (Narodnyy Prospekt, 28Б) liegt nur 10 Minuten mit dem Auto vom Stadtzentrum entfernt. Während die überforderte Rezeptionistin jede einzelne Seite unserer Pässe fotokopiert, verwickelt uns ein koreanisch aussehender Gast in ein Gespräch. Woher wir kommen, fragt er. Er komme aus Nordkorea, sagt er und lacht schallend über seinen Witz. Während seine russische Begleitung mit der Rezeptionistin ein paar Fragen klärt, zeigt er uns stolz Fotos von seiner gerade absolvierten Reise in Kamtschatka, wo er riesige Fische geangelt und einen Braunbären erlegt hat. Unsere Begeisterung hält sich in Grenzen.

Endlich können wir auf unsere Zimmer. Völlig erledigt müssen wir uns erst mal für zwei Stunden hinlegen. Mehr geht leider nicht, schließlich haben wir nur zwei Tage in Wladiwostok. Als wir uns wieder treffen, um Essen zu gehen, meint Julia, sie habe Michl gebeten, das Bett zu schütteln, damit sie das Transsib-Feeling habe. Kaum zu glauben, dass die Fahrt mit der Transsib nun vorbei ist.

Unsere Restaurantwahl fällt auf das Korean House. Da Korea quasi um die Ecke liegt, nehmen wir an, dass die Menschen hier etwas von dieser Küche verstehen. Und tatsächlich bekommen wir fantastisches Essen zu einem fairen Preis, gratis Tapas und koreanischen Tee und Likör obendrauf.

Die schönste Aussicht der Reise

Dann geht es schon ans Sightseeing. Wir spazieren durch die hügeligen Straßen auf und ab. Im „Adlernest“ (Orlinoe gnezdo) auf einem 214 Meter hohen Hügel erhalten wir den schönsten Ausblick auf die Stadt und vielleicht sogar unserer gesamten Reise. Eine Drahtseilbahn erspart den mühsamen Anstieg, aber wir verpassen den Einstieg und gehen zu Fuß.

Oben teilen wir uns die Plattform mit hundert koreanischen Touristinnen und Touristen. Professionell und teilweise ziemlich riskant posen sie vor der Goldenen Brücke (Zolotoj Rog) und dem Hafen „Goldenes Horn“. Die Brücke verbindet das Festland mit der vorgelagerten Insel Russki.

Ausklang mit Moscow Mule

Unter einem malerischen Nach-Sonnenuntergangshimmel spazieren wir die Ulitsa (Straße) Sukhanova hinab und kehren im Café Moloko y Med (Milch und Honig) und später in der Bar Old Fashioned ein, wo wir zum Abendessen Shrimps essen und Cocktails trinken.

Strand und Krabben

Am nächsten Tag fahren wir mit einem Uber ans Meer an einen kleinen Strand mit Liegestühlen und Sonnenschirmen (Ulitsa Tokarevskaya Koshka, 1, Vladivostok, Primorskiy kray). Eine Empfehlung der Rezeptionistin. Neben makellosen Russinnen auf Bräutigamschau brüten wir in der Sonne und baden im erfrischenden und sauberen Wasser.

Ein dickbäuchiger Russe (Kategorie ‚Businessman‘) quatscht Stefan auf Englisch an, als dieser Bier holt. Er kann nicht glauben, dass wir hier sind, wo es doch in Europa so schönes Meer gleich um die Ecke gibt. Als er erfährt, dass wir die Strecke auch noch mit dem Zug zurückgelegt haben, hält er uns für vollends verrückt und tippt sich mit seiner feisten goldringbehängten Hand an die Stirn. Aber da er uns für liebenswerte Verrückte hält, gibt er uns noch eine Menge Tipps. Wir sollen zum Beispiel unbedingt im gleich um die Ecke gelegene Crab House die besten Krabben der Welt probieren. Die Strandbar macht einen rustikalen Eindruck, aber das zarte Krabbenfleisch ist wahrscheinlich das Feinste, was wir auf der gesamten Reise gegessen haben. Wir bestellen gleich noch eine Portion plus Pommes und schauen der Sonne zu, wie sie im Japanischen Meer versinkt.

Ein bisschen Geschichte und noch mehr gutes Essen

Am Abend besichtigen wir das U-Boot C-56 im Hafen des Hauptquartiers der russischen Pazifikflotte. Zehn gegnerische Schiffe hat es im zweiten Weltkrieg versenkt, während es selbst den Angriffen von mehr als dreitausend Tiefbomben überstand. Die Gelegenheit einmal im Inneren eines Unterseebots zu sein, sollte man sich nicht entgehen lassen. Daneben ist ein Denkmal für die unfassbar vielen russischen Soldaten, die im zweiten Weltkrieg gestorben sind.

Zum Abschluss unseres Wladiwostok-Besuches, essen wir dann noch einmal richtig schick zu später Stunde im Japanischen Restaurant Zuma – auch eine Empfehlung von Stefans Strandbekanntschaft. Wir lassen die wunderbare Zeit in Wladiwostok, das uns auf so viele Weisen überrascht hat, noch einmal Revue passieren und beschließen wieder zu kommen. Am nächsten Morgen geht unser Flug nach Moskau schon sehr früh. Trotzdem hauen wir ordentlich rein. Im Zuma sind die Gerichte aufwendig, spektakulär und ebenfalls unglaublich gut. Aber an den Geschmack der Krabben vom Strand von Wladiwostok kann ich mich bis heute erinnern.

(Nächster Beitrag: Moskau)

Transsib Teil 11 – Die vielen Gerüche der dritten Klasse

Wurstschwaden durchziehen den Gang. Irgendjemand genehmigt sich um 4 Uhr früh einen Fleischaufstrich. Jetzt verstehe ich, warum der englische Name dieses „Gerichts“ als Spitzname für lästige E-Mails auserkoren wurde. Die Ausdünstungen von „Spam“ sind ebenso hartnäckig wie unerwünschte Internetwerbung.  Dritte Klasse bedeutet vor allem Gerüche. Gerüche von Talg und Schweiß, von harten Eiern, Instantnudeln, kaltem Brathendl und den Flatulenzen, die diese Speisen erzeugen.

Gegen Schnarchen oder das aufgeregte Kichern der Jugendgruppe helfen Ohrenstöpsel, aber gegen Gestank hilft nur Akzeptanz.

Es ist unsere erste Nacht in der dritten Klasse. 56 Plätze bieten diese Abteile und der Zug ist gut gebucht. Ausgerechnet den längsten Abschnitt der Reise – 62 Stunden am Stück – werden wir nicht im kamotten Kupe verbringen. Es hatte sich aufgrund der Verbindungen und verfügbaren Tickets so ergeben und ich wollte sowieso unbedingt auch das „richtige“ Transsibfeeling erleben und einmal Platzkartny – also dritte Klasse – fahren.

Čita

Mitten in der Nacht hält der Zug am Bahnhof Čita für 50 Minuten weshalb wir aussteigen, denn wer weiß wann wir dazu wieder die Gelegenheit haben. Im Dunkeln erkunden wir Bahnhof und Umgebung. Wir kaufen Produkty und bekommen von einem Verkäufer abgelaufenen Smetana, Sauerrahm, geschenkt. Eine Kirche mit goldenen Zwiebeltürmchen und eine Statue (Lenin, fix) sind zu erkennen. Später lese ich im Reiseführer, dass es sich um die Kathedrale der Kazaner Gottesmutter handelt und bei der Statue natürlich um Lenin.

Im Bahnhofsgebäude werden Souvenirs verkauft. Ein ganzer Laden ist Spielzeug im Military Look gewidmet: Teddybären im Soldatenoutfit, kleine Spielzeugpanzer und anderes pädagogisch Wertvolles.

62 Stunden im Zug

Nach unserer ersten Nacht, wachen wir recht zerstört irgendwo zwischen Chernysh Zab und Mogoča auf. Als Bauchschläfer tut sich Stefan mit den harten Pritschen schwer und da unsere Füße zum Gang raushängen, stößt immer mal wieder jemand beim Vorbeigehen an.

Während wir in unseren Kupes wie in einer gemütlichen Höhle geschlafen haben, gibt es hier überall Lichtquellen: Das Notlicht von der Decke, das Tablet-Display des kleinen Jungen gegenüber, der keine Müdigkeit zu kennen scheint und auch das Rollo vorm Fenster lässt sich nicht ganz schließen.

Julia und ich schlafen oben und schaffen uns mithilfe von Schals und Handtüchern Sicht- und Lichtschutz. Ganz heimelig aber auch ziemlich eng – so eng, dass ich beim Umdrehen aufpassen muss, mich nicht an der Wand zu stoßen.

Tagsüber gibt es wieder viel zu schauen. Die Landschaft ist seit Ulan-Ude interessanter geworden. Unbegradigte Flüsse schlängeln sich über grüne Wiesen, ein Anblick den man bei uns gar nicht mehr sehen kann. Hier stört der Fluss niemanden, denn es gibt keine Häuser, nur Strommästen, die im Wasser stehen.

Mogoča

Nach 13,5 Stunden dürfen wir wieder einmal den Zug verlassen. Leider steht gerade ein anderer Zug am gegenüberliegenden Gleis, weshalb uns nichts anderes übrig bleibt, also am schmalen Bahnsteig zwischen den zwei Zügen hin und her zu spazieren. Eine ältere Damen in Leggins hebt ihren übergewichtigen Dackel auf die Gleise, damit er sich dort erleichtern möge, doch dem wurstartigen Tier behagt das gar nicht. Zum Glück fährt der andere Zug schließlich doch weiter und ein paar Mutige laufen hastig über die Gleise um noch schnell Wasser und Snacks zu kaufen. Jetzt sind es noch 26 Stopps bis Vladivostok.

Amazar

In Amazar haben wir mehr Glück. Wir kaufen hausgemachte Spezereien von den Damen, die am Bahnsteig ihre Waren – Salat, Piroggi, gekochte Eier, Kartoffeltaschen und Gemüse – feil bieten. Neugierig kaufen wir auch eine rätselhafte, goldglänzende Stange, die wie Kaugummi gekaut werden kann, aber vollkommen bitter schmeckt. Wieder ein Rätsel, dass wir aufgrund unserer fehlenden Russischkenntnisse nicht lösen können.

Erofej Pavlovič – Das Boot

Wie viele Orte, ist auch Erofej Pavlovič wegen des Baus der Eisenbahn entstanden. Das riesige Bahnhofsgebäude, das wie ein Wikingerschiff aussieht, täuscht darüber hinweg, dass hier gerade einmal 5.000 Menschen wohnen.  Die Schiffsspitzen, die vom Gebäude wegragen, erinnern an eine sogenannte Koč – Boote mit denen die Russen Sibirien eroberten.

Neue Bekanntschaften

Die erwachsenen Mitreisenden bleiben eher unter sich oder starren auf ihre Laptops, aber mit den Kindern im Zug freunden wir uns an, nachdem eine freche Zweijährige Stefans Wasserflasche entführt. Wir teilen unsere Süßigkeiten und wenden unser spärliches Russisch an (Kak tibija sawut? Wie heißt du? Atkuda wui? Woher seid ihr?) und die Kinder kennen ein paar englische Wörter und Sätze.

Alle Kinder wollen wissen, welche Handys wir haben und welche Computerspiele wir kennen. Zwei Jungen im Grundschulalter sind besonders von unseren Stirnlampen mit Bewegungsmelder fasziniert. Besonders gesprächig ist unser Pritschen-Nachbar Maxim. Er stellt uns viele Fragen und übt mit Julia ein paar deutsche Sätze. Der kluge Bub ist gerade mit seiner Mutter unterwegs um ein Feriencamp zu besuchen.

Im Boardrestaurant haben wir die einzige negative Erfahrung der Reise. Die Kellnerin verrechnet uns 15% Service Gebühr obwohl das in Russland verboten ist. Sogar unser Trinkgeld nimmt sie an. Als wir reklamieren redet sie sich raus, aber ihr Kollege setzt sich für uns ein und wir bekommen immerhin einen Teil zurück. Kopfschüttelnd erklärt uns ihr Kollege, dass sie ein „Chicken“ sei.

Obluch’e

Der letzte Tag in der Transsib. Ich will noch lange nicht aussteigen, auch wenn mir vor Müdigkeit der Kopf dröhnt. Aber ich musste ja unbedingt um 7 Uhr früh aufstehen um mir am Bahnhof Belagorsk die Beine zu vertreten. Diese Entscheidung erweist sich allerdings als goldrichtig, denn bis zum Aufenthalt in Chabarovsk, 11 Stunden später, gibt es nur die kurze Ausstiegsmöglichkeit in Obluch’e.

Die Logik, warum der Zug bei manchen Orten hält und bei anderen nicht, ist uns nicht immer klar. Aber vermutlich hängt es damit zusammen, dass die Orte auf die Lieferungen, die mit der Transsib kommen, angewiesen sind und manche Bahnhöfe Ladestellen sind. Jedenfalls halten wir 15 Minuten in Obluch’e wo es absolut nichts gibt, bleiben hingegen in Birobidzan nur kurz stehen.

Birobidzan ist die Hauptstadt des Jüdischen Autonomen Gebiets, dass unter Stalin geschaffen wurde. Der Name des Bahnhofs ist in hebräischen Buchstaben angeschrieben. 40.000 freiwillige Siedlerinnen und Siedler gingen in den Jahren nach 1934 in den fernen Osten der UdSSR. Da es sich um eine äußerst unwirtliche Gegend handelt, ist es kein Wunder, dass die jüdische Bevölkerung heute nur mehr acht Prozent beträgt, da viele ab Ende der 1980er Jahre nach Israel auswanderten.

Chabarovsk

Erst am Abend nach 19 Uhr, können wir für 20 Minuten den Zug in Chabarovsk verlassen. Obwohl es ein großer Bahnhof ist, von dem man auch einen guten Blick über die Stadt hat, können wir nur Wasser kaufen, weil die Schlangen vor den Märkten zu lange sind und wir die Zeit mit Kwas trinken vertrödelt haben.

Vjazemskaja

Erst in Vjazemskaja um 21 Uhr 22 schaffe ich es, während eines 10-minütigen Aufenthalts heldinnenhaft Bier aufzutreiben. Die Dame, die ihre selbstgemachten Speisen verkauft, bietet zwar zuerst kein Bier an, aber als ich sie danach frage, öffnet sie einen zweiten Boden ihres Korbs und – ta-da – Bier kommt unter Cola und Wasserflaschen zum Vorschein.

Wir kaufen außerdem Kukuruz, mit Ei und Essigurke gefüllte Fleischlaibchen und fette krapfenartige Speisen mit Wurst, Kraut oder Erdäpfel-Füllung. Dann tun wir es unseren Mitreisenden gleich und jausnen ordentlich auf.

Die letzten Kilometer in der Transsib

Nach dem Genuss der fettigen Speisen legen wir nun mit vollen Bäuchen die letzten Kilometer bis zur Endstation in Vladivostok gemächlich schaukelnd zurück. Dann haben wir Russland von Westen bis Osten bereist. Von China, an dem wir jetzt entlang fahren, sehen wir nichts, es ist Nacht. Mittlerweile stinkt es schon erbärmlich in unserem Abteil und trotz der Klimaanlage ist es jetzt auch noch zu heiß.

Ich bin wehmütig, aber auch sehr gespannt auf Vladivostok. Noch einmal sehe ich mich im Wagon um. Schlafend schauen alle friedlich und niedlich aus. Besonders die Kinder, aber auch der unfassbar dicke Mann, dessen entblößte Wampe über die Pritsche hängt, sodass man an ihr streift, wenn man vorbei Richtung Klo geht. Ich beginne die Gesetze der Physik zu hinterfragen, denn eigentlich müsste er hinunterfallen, denn das meiste seiner Körpermasse ragt über sein Bett hinaus.

Leider schlafen aber nicht alle. Eine Ferienlagergruppe ist vor Kurzem eingestiegen. Die Teenager kichern und wispern die ganze Nacht, während sie sich jeweils zu zweit in eines der engen Betten quetschen und auf ihre Handys blicken. Um 4 Uhr früh packt dann auch noch die alte Dame neben uns ihre Wurst-Eier-Jause (wieder) aus und knistert dabei als wäre jedes einzelne Brotkorn in Folie eingepackt.

Am Ziel: Vladivostok

Um 7 Uhr früh kommen wir nach dieser mühsamen Nacht an unserem Zielbahnhof an. Davor fahren wir an kleinen Holzhäusern und Gärten in Nebelschwaden vorbei, dann entlang am Meer und schließlich, als wir einfahren, geht die Sonne auf. Völlig fertig, aber euphorisch schleppen wir uns im goldenen Morgenlicht durch den schönen, im Jugendstil gehaltenen, Bahnhof in Richtung Innenstadt.

Dort werden wir von moderner Architektur und einer faszinierenden Brücke überrascht. In einer 24h-Bar frühstücken wir gemeinsam mit einem sturzbetrunkenen russischen Pärchen und japanischen Touristinnen und Touristen. Danach schleppen wir uns zum Strand, schwimmen gemeinsam mit den zahlreichen Pensionistinnen und Pensionisten, die auch am anderen Ende der Welt die Frühaufsteher sind und schlafen noch ein bisschen, bevor wir uns um 12 Uhr mit dem Taxi auf zu unserem Hotel machen.

(Nächster Beitrag: Vladivostok)

 

Reisetipp für die Übergangszeit – Auf nach Plowdiw!

Aus gegebenen Anlass unterbreche ich meine Transsib-Reiseserie für all jene, die vielleicht gerade ein Reiseziel für die Übergangszeit suchen. Ein Ziel, das wärmer als unsere Gefilde ist, aber kein Langstreckenflug inklusive Jetlag benötigt und Programm für alle Wetterlagen bietet. Und dabei handelt es sich um: Plowdiw.

Was ist Plowdiw? Wo ist Plowdiw? Und warum solltet ihr euch das ansehen? Hier erfährt ihr mehr.

Verdiente Kulturhauptstadt 2019

Plowdiw ist die zweitgrößte Stadt im Südwesten Bulgariens, 120 km entfernt von der Hauptstadt Sofia. Als ich 2017 zufällig davon las, dass dieser, mir bis dato, völlig unbekannte Ort, Europäische Kulturhauptstadt 2019 werden würde, blieb mir der Name irgendwie im Gedächtnis hängen. Ich dachte mir, warum nicht hinfahren bevor Tourist*innenströme in Massen den Ort belagern? So kam es, dass mein Freund und ich zu einer eher untypischen Jahreszeit – grauer November – einen Ausflug in den Südosten Europas machten.

Und da hätten wir echt schon früher darauf kommen können, denn Bulgarien hat viel zu bieten: Die Ostküste verspricht im Sommer einen günstigen Meerurlaub und im Frühling und frühen Herbst lädt das Balkangebirge zum Wandern, im Winter zum Skifahren ein. Der unattraktivste aller Monate bot uns die Gelegenheit Plowdiw und Sofia unsere volle Aufmerksamkeit zu schenken. Und diese haben beide Städte – nicht nur im Kulturhauptstadtjahr – mehr als verdient.

Alte, turbulente und beeindruckende Geschichte

Plowdiw gehört – neben seiner Kulturhauptstadtkollegin Matera zu den ältesten Städten Europas und hat schon unterschiedlichste Völker beherbergt. Zwar ist Matera ganze 1000 Jahre älter, aber Plowdiw gehört zu den wenigen Städten dieser Erde, die seit 8000 Jahren durchgehend besiedelt waren.

Die Beweise dafür finden sich unter anderem auf dem Hügel Nebet Tepe am Dreihügelmassiv. Dort gibt es auch Reste der mittelalterlichen Stadtmauer und eine tolle Aussicht über die Stadt sowie auf die Alyosha Statue am Bunarjik Hügel. Diese 11 Meter hohe Statue, die einen sowjetischen Soldaten darstellt, wird 24 Stunden am Tag bewacht, um sie vor Vandalismus zu schützen. Insgesamt erstreckt sich das heutige Plowdiw über sechs Hügel, ein siebter wurde im 20. Jahrhundert zerstört.

Archäologische Fundgrube

Die Thraker*innen, Kelt*innen, Römer*innen, Byzantiner*innen, Osman*innen, Slaw*innen, – sie alle haben ihre Spuren in dem hübschen Stadtkern hinterlassen.

Um ein paar Highlights aus der frühesten Geschichte Plowdiws zu nennen: 342 v. Chr. als die Makedonier die thrakische Siedlung am Nebet Tepe kurzfristig eroberten, wurde die Stadt in Philippopolis (nach dem Vater von Alexander den Großen) benannt. Später geriet die Stadt wieder unter thrakische Herrschaft und hieß Pulpudeva. 72 v. Chr. wurde sie von den Römern erobert und Trimontium genannt, nach den drei Hügeln auf denen sie stand. Die Römer bauten Straßen, welche die Stadt wirtschaftlich und kulturell aufblühen ließen, und hinterließen eine Reihe an wichtigen öffentlichen Gebäuden, deren Überreste heute besichtigt werden können.

Zum Beispiel das Antike Theater von Philippopolis, welches im 20. Jahrhundert restauriert wurde und nun als Stätte für verschiedene Festivals dient. Das Theater thront prominent zwischen zwei Hügeln über einer vielbefahrenden Straße, die der genialen Akustik angeblich nichts anhaben kann. Natürlich finden auch im Kulturhauptstadtjahr zahlreiche Veranstaltungen im antiken Theater statt.

Ein römisches Stadion unter der Einkaufsstraße

Eine weiter Attraktion ist das Stadion aus der Zeit Kaiser Hadrian (117-138). Es gehört zu den größten und zu am besten erhaltenen Gebäude des antiken Roms auf der Balkaninsel. Das römische Stadion mit einer ungefähren Länge von 240 m und 50 m Breite sowie einer Sitzplatzkapazität von 30.000 Personen liegt jedoch zum Großteil unter der Hauptfußgängerzone Plowdiws. Ein Teil davon kann direkt vom Dschumaja-Platz aus besichtigt werden, einzelne Elemente sind in den Kellern der Häuser und Geschäfte der Fußgängerzone zu finden. Im Gebäude des Kleidergeschäfts H&M können während des Einkaufens die antiken Überreste im Untergeschoß bewundert werden.

Direkt neben den begehbaren Teil der Stadionruinen, steht die Dschumaja Moschee. Sie gilt als eine der ältesten Moscheen Europas (nur in Spanien gibt es ältere). Das Café im Gebäude der Moschee bietet außerordentlich guten Mokka und Süßspeisen an.

Schon als Plowdiw noch Philipppopolis hieß, war die Stadt ein kosmopolitisches Zentrum mit unterschiedlichsten ethnischen Gruppen und Religionen. So wurden Reste einer Synagoge aus der ersten Hälfte des 3. Jahrhunderts n. Chr. sowie christliche Kirchen aus Anfang 5. Jahrhundert entdeckt.

Bauten aus der „Wiedergeburt Bulgariens“

Die Altstadt ist eine weitere Sehenswürdigkeit für sich. Die prächtigen Häuser der Bürgerlichen aus Anfang des 18. Jahrhunderts, der sogenannten Wiedergeburt Bulgariens, haben einen einzigartigen Baustil. Die Bulgarische Wiedergeburt bezeichnet eine Epoche von radikalen Umbrüchen in allen Sphären der Gesellschaft, Ökonomie, Politik, Religion und Kultur.

Neben den kunstvoll verzierten Häusern, finden sich in der Altstadt auch zahlreiche Museen. Insbesondere das Ethnographische Museum ist für Ethnologinnen und Ethnologen interessant. Nach einem Spaziergang durch die bürgerlichen Prachtbauten, ist ein Abstecher in das kleine aber sehr feine Absinthe House Plovdiv ein guter Ausgleich. Es bietet die perfekte Mischung aus Verwegenheit, Urigkeit und Stil.

Das Absinthe House Plowdiw

Das Hipsterviertel Kapana

Als wir 2017 Plowdiw besuchten, waren wir direkt im hippsten Viertel der Stadt untergebracht: Kapana! Hier reihen sich hübsche Vinyl-, Design- und Kunsthandwerkläden an eine überwältigende Ansammlung an Bars, Cafés und kleinen Restaurants, die Craft Beer, bulgarische Weine und die traditionelle Küche neu interpretiert anbieten. Das Viertel wurde teilweise zur Fußgängerzone umgewandelt und so stehen bis in den Spätherbst Sitzgelegenheiten vor den Läden und gastronomischen Betrieben.

 

Neben den vorrangig jungen und feschen Menschen, die es sich in den engen Gassen vor den Lokalen gemütlich machten, fiel uns auf, dass ausschließlich jedes Geschäft, jedes Lokal, jede Bar komplett neu und nach den heißesten Trends auf Pinterest und Co. eingerichtet war. Als hätten sie alle gleichzeitig aufgemacht und sich jeder auf ein eigenes Konzept geeinigt, damit alles was gefällt vorhanden ist und sich niemand im Weg steht. Aber auch kulturelle Zentren, etwa der armenischen Bevölkerung, finden sich in Kapana.

Instagram-Disney-World

Alte Gebäude aus Anfang des 20. Jahrhunderts strahlen in bunten Farben, jede freie Fläche ist mit Street Art verziert. In den Bars kamen uns Gäste und Personal alle miteinander befreundet vor. Als hätten wir ein fremdes Wohnzimmer oder einen schicken Partykeller gecrasht. Dieser kleine Stadtteil verwirrte und faszinierte uns. Fast hätten wir alten Bobos uns nicht mehr heraus bewegt. Dabei liegen die historischen Sehenswürdigkeiten von Plowdiw in gemütlicher Spaziergehweite. Passenderweise heißt Kapana auch übersetzt „die Falle“.

Es wirkte, als hätten der King und die Queen of Hipsters sich ihr eigenes instagramtaugliches Disney World zusammengestellt. Doch Kapanas Geschichte ist viel spannender, als der hippe Minikosmos vielleicht scheinen mag. Tatsächlich wurden die Gassen bis vor ein paar Jahren noch hauptsächlich als Parkplatz genutzt.

Vom osmanischen Markt- zum Parkplatz

Kapana war noch in den 1980ern ein runtergekommenes Stadtviertel und das mitten im Zentrum von Plowdiw. Dabei hatte es so gut angefangen: Als Marktplatz (Charshiya) während der frühen Osmanischen Periode, war die Gegend der Hotspot des städtischen Lebens. Nachdem die Russen, die Osmanen von der Herrschaft über Bulgarien „ablösten“, verfiel Kapana zusehends. Ein großes Feuer tat sein übriges und zerstörte die architektonisch wertvollen Gebäude des Charshiya für immer.

So sieht der nicht renovierte Teil Kapans aus

Weltkulturerbe

Zwar wurde Kapana nach dem ersten Weltkrieg neu aufgebaut und wieder besiedelt, verkam aber zu einer armen, vernachlässigten Gegend. Die Pläne hier ein Einkaufszentrum nach amerikanischen Vorbild entstehen zu lassen, wurden – der langsamen Bürokratie sei Dank – nie verwirklicht. Stattdessen trat 1975 die Welterbekonvention der UNESCO in Kraft. Dies legte die Basis, das in den 80er-Jahren die Gegend als Kunst und Handwerksviertel revitalisiert wurde. Dank Restaurationen konnten 80 der 400 Gebäude in Kapana den Status als Weltkulturerbe erhalten.

Kreative Stadtteilrenovierung

1981 lancierte eine Gruppe aus Kunstschaffenden, Architekt*innen und Designer*innen ein Projekt zur Renovierung von Kapana in einen multifunktionellen Ort für Kunst und Kultur. Die alten Gebäude sollten erhalten werden, neue passend zum Rest gestaltet werden. Aber auch dieses preisgekrönte Projekt scheiterte, als sich mit dem Zerfall der Sowjetunion die politische und ökonomische Situation änderte.

Erst zwischen 2012 und 2018 wurde aus Kapana der kulturelle und angesagte Stadtteil, der er heute ist. Mit Blick auf die Kulturhauptstadtaustragung in 2019, vermietet die Plowdiw 2019 Foundation seit 2014 jeweils für ein Jahr einzelne Gebäude in Kapana gratis oder zu einem Spottpreis an unabhängige Kreative, Unternehmerinnen und Unternehmer. Im Austausch sollten diese attraktive lokale Geschäfte, Restaurants, Bars, Ateliers, Galerien, kulturelle Veranstaltungen, Workshops und Performances schaffen. Vor allem junge Leute konnten hier ihre Pläne verwirklichen.

So wurde aus Kapana ein sehenswertes, entspanntes Viertel, das sowohl tagsüber als auch abends, Einheimische und Touris anzieht. Wem das zu wenig Ecken und Kanten hat, kann ja gerne selber neben einem Einkaufszentrum oder einer mehrstöckigen Garage leben – gegen solche Projekte wehren sich die Einheimischen nämlich bis heute mittels Kulturinitiativen und Protest erfolgreich.

Fazit

Plowdiw ist auf jeden Fall einen Besuch Wert. Das gilt das ebenso für die Hauptstadt Sofia, von der ich bei Gelegenheit berichten werde. Sehr schöne Ausflüge lassen sich zudem in die Umgebung machen, zum Beispiel zum bulgarisch-orthodoxen Bachkovski Kloster, zur Assen Festung und in die Rhodopen. Also auf nach Bulgarien!

 

Transsib Teil 10 – Ulan-Ude, Hauptstadt Burjatiens

Ulan-Ude ist wohl die exotischste Stadt auf der transsibirischen Reisestrecke. Ein Viertel der Bevölkerung sind Burjatinnen und Burjaten, ein Volk, dass mit den Mongolinnen und Mongolen verwandt ist. Auch Ewenk*innen, die indigene Bevölkerung der Region, leben hier. Insgesamt wirkt die Bevölkerung wunderbar selbstverständlich durchmischt, es gibt keine ethnische Trennung zwischen russischer und burjatischer Bevölkerung. Außerdem bietet die rund 430 000 Einwohner*innen-reiche Stadt interessante Architektur und ein paar wunderbar skurrile Sehenswürdigkeiten und Aktivitäten. Die besten Vorraussetzungen für einen spannenden Citytrip also.

Nachdem wir unsere Unterkunft, das Sport Hostel Ulan-Ude, nach einer ratlosen Suche gefunden und die sehr sympathischen Vermieterinnen kennengelernt haben, machen wir uns zu Fuß auf in die Innenstadt, schließlich haben wir nur 1,5 Tage hier.

Vier Tipps für einen gemütlichen Besuch

Unser Transsib Handbuch empfiehlt gleich drei Ausflugsziele, die alle bestimmt ziemlich interessant sind. Doch leider sind wir zu erschöpft und von der Hitze überwältigt. Daher lassen wir das empfohlene Ethnographische Freilichtmuseum, den neuen buddhistischen Gebetstempel (Dazan) oder das 1949 errichtete Lamakloster Ivolginsk leider aus. 

Für fleißige Touris gibt es also viel zu sehen. Aber auch für all jene, bei denen die ersten Ermüdungserscheinungen zu diesem Zeitpunkt der Reise auftreten, habe ich vier Tipps für Aktivitäten, die den Besuch von Ulan-Ude auf jeden Fall zu etwas Besonderen machen.  

1. Sushi essen

Keine Ahnung warum,  aber in der Stadt kann man großartig und zu fairen Preisen Sushi essen und bisher unbekannte Kreationen („Hot Sushi“) entdecken. Dabei könnte das Meer kaum weiter entfernt sein als von Ulan-Ude. Sei’s drum, check it out!

Sushi-Bar in Ulan-Ude

2. Lenins monumentalen Kopf bestaunen

Lenin- Darstellungen gibt es in Russland in allen erdenklichen Formen und Größen, angefangen von der kleinsten Matrioshka-Figur in einer mit Putin bemalten Matrioshka über Graffiti bis hin zu dem fast 8 Meter hohen und 42 Tonnen schweren Lenin-Kopf in der Hauptstadt Burjatiens. Sie ist laut Wikipedia „die größte Porträtbüste der Welt“.

Das Denkmal war ursprünglich Teil des sowjetischen Pavillons bei  der Weltausstellung 1971 in Kanada. Da es danach niemand haben geschweige denn kaufen wollte, landete es irgendwann in Transbaikalien und steht nun auf dem Sovetskaja Platz im Zentrum Ulan-Udes. Wer konnte damals ahnen, dass der Riesenschädel einmal so ein beliebter touristischer Anzugspunkt und sogar mehrmals täglich als Hintergrund für Hochzeitsfotos dienen würde. Langsam bekomme ich Mitleid mit Lenin.

Lenin Denkmal

3. Durch die autofreie Innenstadt flanieren

Von der Burjatischen Nationaloper aus führt eine lange Flaniermeile bis zur Kathedrale der Gottesmutter Hodigitreja. Eine schöne orthodoxe Barockkirche mit strahlend weißer Fassade und blitzblauen Dächern und goldenen Zwiebeltürmchen. Wie so viele Kirchen wurde sie während der Sowjetzeit als Lager genutzt und ist innen vollkommen unspektakulär, da alle Wände weiß sind und die Heiligenbilder erst aufgehängt werden müssen. Erst seit 2003 wird die 1745 erbaute Kirche allmählich wieder ihrer ursprünglichen Bestimmung zugeführt.  

Die Fußgängerzone, genannt Arbat, ist voller Souvenirstände und Musikanten sowie von teilweise historischen Gebäuden flankiert. Ein Spaziergang eignet sich ideal, um Leute zu beobachten, recht viel spektakulärer wird es allerdings nicht. Zwischendurch kehren wir in einen hübschen, kleinen Laden ein, der auch Kaffee anbietet. Wir vermuten, es ist das einzige Café in Ulan-Ude, dass dem üblichen Hipster-Einheitsbrei am ähnlichsten kommt, aber wir haben halt ein Händchen für diese Dinge. Unser Espresso wird uns in Julius Meinl Wienerkaffeehaus Tassen serviert. Ein Stückchen Heimat 6.304,68 km Luftlinie entfernt.

Biegt man etwas von der Fußgängerzone ab, kann man traditionelle Holzhäuser bewundern und die alten Handelsreihen aus dem 19. Jahrhundert, als hier reiche Kaufmänner zweimal jährlich große Handelsmessen veranstalteten. Heute befindet sich darin ein Kaufhaus und davor ein Obelisk, der in den 1920er Jahren zu Ehren der Revolutionsopfer errichtet wurde.

Am Abend spazieren wir über den Platz vor der Oper wo sich verliebte Pärchen, Jugendliche, Alte und Familien mit Kindern auf Rollerskates tummeln. Der Springbrunnen im Zentrum spielt im Takt zu klassischer Musik und Opernarien eine hypnotisierende Licht- und Wassershow. Da wir aber hungrig sind, kehren wir nach einer Weile in das empfehlenswerte Pub Churchill (Уинстон Черчилль) ein.

4. Im Triniti-Funpark optischen Täuschungen erliegen

Vorbei an einem Rudel streunender Hunde und dubiosen Buden, über lädierte Gehwege und einem weiten Parkplatz, kommen wir zu einem Einkaufszentrum (пионер), das neben westlichen Kleidermarken und einem Kino vor allem eine Vielzahl an Spielhallen beherbergt. Wir wollen jedoch in den Indoor-Freizeitpark für Erwachsene und Kinder von dem Stefan gelesen hat.

Für 5,50 Euro pro Person tauchen wir ein in eine Welt voller optischer Täuschungen, alter sowjetischer Spiele, physikalischer Experimente und zahlreicher Möglichkeiten auf Fotos zu posen. Aufgekratzt wie Kinder auf Zucker probieren wir alles aus, ohne Schamgrenze – so lange bis uns die freundlichen Mitarbeiter rauswerfen. Absolute Empfehlung für Fans von inszenierten Fotos, skurrilen Erfindungen und Geschicklichkeitsspielen.

Adresse: Korabel’naya Ulitsa, 41, Ulan-Ude, Buryatiya Republits, Russland, 670000

Nach zwei Nächten in Ulan-Ude ist es wieder so weit und wir treten unsere letzte Fahrt mit dem Zug an. Dafür diesmal für 62 Stunden am Stück in der 3. Klasse (davon nächstes Mal mehr).

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Transsib Teil 9 – Kurze Anekdoten vom Aufenthalt am Baikal See

Unsere zweite Baikal-Tour mit Georgi führt uns zum so genannten Weißen Felsen, von dem uns schon Oxana erzählt hat. In aller Frühe fahren wir mit dem Boot eine Stunde lang über den grauen Baikal See durch dichte Nebelschwaden zum Ausgangspunkt der Wanderung. Eine ältere, exaltierte Dame und eine Mutter mit zwei Kindern im Pflichtschulalter haben sich der Tour angeschlossen. Georgi hält eine Sicherheitseinweisung für den Aufstieg und versichert, er werde viele Pausen machen. Wir sind gespannt welch gefährliche Klettertour da auf uns zukommen mag, es scheint abenteuerlich zu werden.

Die „Wanderung“

Wie sich herausstellt, wären wir wohl in 15 Minuten oben gewesen, wären wir allein gewandert. Aber dank der vielen Pausen dauert es immerhin eine halbe Stunde. Für unsere russischen Mitwandernden ist der Aufstieg dennoch eine Herausforderung, für durchschnittliche Alpenregionsbewohnerinnen  und -bewohner ist er nicht der Rede Wert.

Der Ausblick oben über den Baikal ist aber dennoch sehr schön und auch hier findet sich ein schamanischer Kraftort. Georgi hat uns vor dem Aufstieg geraten, einen Stein vom Strand mit dem Gewicht unserer Schuld mit nach oben zu nehmen und dann dort zu lassen. Somit sind auch unsere Sünden vergeben, wir sollten uns nicht beschweren.

Obwohl wir Georgi sehr sympathisch finden, beschließen wir trotzdem die zweite Wanderung, die wir mit ihm geplant hatten, abzusagen. Er ist enttäuscht, aber unsere Vorstellungen vom Wandern unterscheiden sich eindeutig von jenen der Russinnen und Russen. Auch wollen wir keine acht Stunden bis zu unserem nächsten Ausflugsziel fahren. Beim Planen unserer Reise hatten wir die Distanzen eindeutig unterschätzt.

Spaziergang mit Hund

An unserem letzten Tag in Sukhaya spazieren wir noch einmal durch das Dorf. Ein kleiner schwarz-weiß gescheckter Hund schließt sich uns wie selbstverständlich an. Überall glauben die Leute nun, der ungezogene Frechdachs gehöre uns. Auch als er die Hündin einer Spaziergängerin belästigt, als er auf einen Jungen freudig bellend zuläuft, als er einfach mit ins Souvenirgeschäft spaziert und es sich dort gemütlich macht und als er uns in eine kleine Kirche folgt. Aufgrund unserer begrenzten Russischkenntnisse, bleibt uns nichts anderes übrig, als einen schuldbewussten, entschuldigenden Eindruck zu machen.

Wir nannten ihn Chernyy-Tochka-Sabaka (черный точка собака) = Schwarz-Punkt-Hund

Neugierig inspizieren wir gemeinsam mit „unserem“ Hund die Kirche, die innen noch gar nicht fertig gebaut ist. Wir wollen schon wieder hinausgehen, da kommt plötzlich ein älterer Herr und gibt uns ungefragt eine ausführliche Tour auf Russisch. Dass wir kaum etwas verstehen, verwundert den Mann zwar, aber er lässt sich davon nicht beirren. Aus Höflichkeit hören wir eine Weile zu und betrachten aufmerksam die Balken und die noch am Boden stehenden Ikonen-Bilder, während der erzählfreudige Herr darauf zeigt. Als sich die Gelegenheit ergibt, bedanken wir uns und machen uns aus dem Staub, während uns der Mann verwirrt nachsieht. Kurz darauf sehen wir eine kleine Gruppe von Leuten in die Kirche gehen. Offenbar hatte uns der Mann mit diesen Besucherinnen und Besuchern verwechselt.

Die komischen Touris

Nachdem wir einige Tage im Dorf verbracht haben, werden wir schon von Leuten so gegrüßt, als würden sie uns kennen. Wahrscheinlich hat sich schon herumgesprochen, dass wir die seltsamen nicht-russischen Touris sind.  In unserer Unterkunft freunden wir uns mit den Kids der Familienurlauber an und sogar Elena, die schüchterne Gastwirtin, die zuvor per Post-its mit uns kommunizierte, geht uns nicht mehr aus dem Weg. Ganz zum Schluss klärt sich auch noch unsere Herkunft auf, über die in der Unterkunft gerätselt wurde (njet Amerikansky, Avstriyets). Der Gösser Vorrat im kleinen Dorfladen ist nun aufgebraucht. Zeit nach Ulan-Ude zu fahren.

Transsib Teil 8 – Bei den Schamanen und Ewenken

Die Gegend um den Baikal See ist nicht nur landschaftlich schön, sondern auch kulturell spannend und vielfältig. Unser Tourguide Georgi will uns sechs Orte zeigen, die für diese Region besonders bedeutend sind. Vor seiner Pensionierung hat Georgi bei einer NGO gearbeitet, die sich für den Schutz des Baikal Sees einsetzt. Jetzt macht er ab und zu Führungen mit Touristinnen und Touristen und hat – so wie alle hier – auch einen Garten, der für seinen Lebensunterhalt wichtig ist. Obwohl er intelligent sei, müsse er wie ein Bauer arbeiten, erklärt er uns bedauernd.

Die guten Straßen auf der wir die ersten Kilometer unserer Tour fahren, wurden von der Regierung gesponsert, die hier um den Baikal See große Hotels bauen und dafür Investor*innen anlocken wollte. Aber da es an Infrastruktur, wie etwa einem ordentlichen Abwassersystem fehlt, war niemand interessiert hier ein touristisches Zentrum zu schaffen. Georgi ist darüber erleichtert. Ein Hotelkomplex wäre in dieser rustikalen Idylle schon rein optisch äußerst deplatziert, um von den ökologischen Auswirkungen gar nicht erst zu reden.

Aber auch die Einheimischen tragen zur Verschmutzung des Sees bei, die Abwässer der Stadt und der Industrie werden ungereinigt hineingeleitet. Ein nachhaltiger Umgang mit der Natur sei für viele keine Priorität, so Georgi. Dennoch kommt das Trinkwasser  für die Region aus dem Baikal, da es aus der Tiefe abgepumpt wird. Außerdem sorgen winzige Flohkrebse für die Selbstreinigung des Sees.

Buddhistisches Zentrum

Die Asphaltstraße endet bereits beim Nachbarsdorf, welches übersetzt „trockener Fluss“ heißt. Dort besichtigen wir einen buddhistischen Wahlfahrtsort. Vor dem Kloster campen eine Vielzahl mongolischer Buddhistinnen und Buddhisten. Unter einer riesigen, offenen Halle sitzen Menschen und hören einem Redner zu. Georgi erklärt, dass wir einen schlechten Tag erwischt haben, da der aktuelle Lama aus Moskau zu Besuch ist und wir deshalb das Kloster nicht besichtigen können. Leider ist uns nicht ganz klar, warum ausgerechnet hier eine Pilgerstätte ist. Georgi sagt, es gäbe dafür keinen speziellen Grund, aber ich bin nicht sicher, ob er es auf Englisch nicht erklären kann oder einfach nicht weiß. Historische Tempelanlagen gibt es hier jedenfalls nicht.

Baikal – der reiche See

Wir fahren ein paar Kilometer weiter zu einer idyllischen Flussmündung. Der Sukhaya Fluss fließt hier in den Baikal See. Pferde und Kühe laufen frei herum, Menschen zelten am Waldesrand und an den sibirischen Lärchen wehen bunte, schamanische Stofffetzen, die Kraftorte markieren sollen. Der Schamanismus existiert in Sibirien in friedlicher  Koexistenz mit Buddhismus und orthodoxem Christentum.

Georgi erzählt uns mehr über die einzigartige Flora und Fauna des Baikal Sees. Besonders bekannt ist die Baikalrobbe, Nerpa genannt, sie ist verwandt mit den Eismeerrobben, muss sich aber vor vielen tausenden Jahren auf Süßwasser umgestellt haben – wie das möglich ist, weiß niemand. Der See ist 25 Millionen Jahre alt und das größte, nicht gefrorene Süßwasserreservoir der Erde. Seine Oberfläche (31 700 Quadratkilometer) ist weniger beeindruckend als die Tiefe: Mit 1642 Metern hält der Baikal See den Weltrekord unter den Seen.

Auf der Fahrt zum nächsten bemerkenswerten Ort in der Gegend, passieren wir einen Kraftort – gleich neben der Straße, unweit eines Handymastens, soll ein schamanischer Geist wohnen. Aus den fahrenden Autos werfen die Leute Münzen in den Wald und wünschen sich etwas. Auch Denis hatte das bei der Hinfahrt gemacht und wir hatten uns still gewundert. Bei der Rückfahrt fallen mir nun die Leute neben manchen Straßenabschnitten auf, die das Geld suchen, das die Geister der Schamaninnen und Schamanen nicht brauchen.

Erbe der Ewenken

Der dritte Stopp ist auf den ersten Blick völlig unscheinbar, wir bleiben bei einer verwilderten Wiese gleich neben der Schnellstraße stehen. Georgi erklärt uns, dass hier ein Ort geschaffen wurde, der auf die Kultur des indigenen Volks der Ewenken (alte Bezeichnung Tungusen) aufmerksam machen soll. Durch ein symbolisches Tor treten wir in das Gebiet der Ewenken ein. Zuvor müssen wir noch unsere schlechten Gedanken zurücklassen.

Ein Schrein mit zwei Totempfählen – einer weiblich, einer männlich und mit Totemtieren verziert – präsentiert in ewenkischer Sprache die Gesetze der Ewenken, als sie noch die nomadische Lebensweise pflegten. Im 20. Jahrhundert wurden sie von der russischen Herrschaft zur Sesshaftigkeit gezwungen. Auch die ewenkische Sprache ist mittlerweile bedroht. Georgi gehört zu einer freiwilligen Gruppe von Menschen, die versuchen das Erbe der sibirischen Indigenen zu bewahren.

Animistischer Glaube bis heute

Die Religion der Ewenken ist animistisch, das bedeutet, sie glauben daran, dass alles in der Natur und jedes Lebewesen eine Seele hat. Auch das Schamanentum ist wichtiger Bestandteil dieser Tradition. Anthropologinnen und Anthropologen sehen die ewenkische Form als den klassischen Schamanismus. Sowohl Frauen als auch Männer können Schaman*innen werden.

Es heißt, die indigene Bevölkerung Amerikas stamme von den Ewenken ab, welche über die Beringstraße nach Amerika ausgewandert seien. Georgi erklärt uns das so: „We used to believe there are four races: black, white, red and yellow. But now we know (…dass es keine Rassen gibt, denke ich den Satz zu Ende) …that there are only three races, because the red came from the white Ewenki“. Er meint die Ähnlichkeit zwischen den Ewenken und den Indigenen in Amerika sei eindeutig und zumindest damit hat er Recht.

Ein Schrein, der auf die Kultur der Ewenken verweist

Burjatischer Schamanismus

Bei einem Kraftort der burjatischen Schaman*innen machen wir unseren vierten Halt. Hier finden sich besonders viele bunte Tücher und Bänder, die an unterschiedlichen Befestigungen hängend im Wind wehen. Mit den Streifen werden Gebete und Wünsche eingebunden, die der Wind zu den Geistern tragen soll. Um einen Schrein können wir dreimal im Uhrzeigersinn gehen und unsere Wünsche wiederholen und dann eine kleine Spende für die Geister dalassen. Neben Münzen finden sich da auch Tic Tacs, ein Fläschchen Sojasauce und Zuckerl. Von der Stätte aus haben wir einen fantastischen Blick auf den Baikal See.

Museum und heilende Thermalquelle

Vorletzter Stopp ist ein volkskundliches Museum, in dem traditionelle Kleider und Werkzeuge der burjatischen Bevölkerung ausgestellt werden. Mittlerweile ist es spät geworden und die Sonne geht knallrot unter. Den finalen Höhepunkt der Tour bildet der Besuch der heißen Quellen, denen heilende Wirkung nachgesagt wird. Leider sind die Quellen nicht wie ich angenommen hatte, in der freien Wildnis, sondern unter einer Plastikplane. Immerhin  ist es keine typische Thermenanlage, wie wir sie aus Österreich kennen. Es ist einfach ein Poolbecken, in dem sich russische Badegäste drängen, ohne Sitz- oder Liegegelegenheiten, mit ein paar Umkleiden und einer bewachten Garderobe. Ein wunderbar skurriler und entspannender Abschluss für eine äußerst interessante Tour.

Götterdämmerung

Einen Tag später erleben Stefan und ich am Strand des Baikal einen dramatischen Sonnenuntergang. Die Wolken wirken am Baikal See als würden sie ganz nah an die Erde heranreichen. Gewaltige dunkle Mächte, in Form von Gewitterwolken, kämpfen gegen die guten Kräfte, in Form der sonnendurchfluteten Abendwolken. Kein Wunder, dass der Schamanismus und Geisterglaube in dieser Region so stark ist.

(Nächster Beitrag: Kurze Anekdoten vom Aufenthalt am Baikal See)

Transsib Teil 7 – Das Dorf der Kühe am Baikal See

Nach drei Tagen im Zug kommen wir am Nachmittag in Ulan-Ude an. Dort wartet schon Denis auf uns, um uns zu unserem nächsten Aufenthalt zu bringen. Die Hauptstadt der russischen Teilrepublik Burjatien werden wir erst vor unserer Weiterfahrt besichtigen. Wir wollen die nächsten fünf Tage in Sukhaya (Cухая), einem kleinen Dorf im Osten des Baikal Sees, verbringen. Dafür müssen wir allerdings noch zweieinhalb Stunden mit dem Auto fahren. Von russischen Schlager- und Technohits beschallt, düsen wir durch die burjatischen Gebirge und Landstraßen.

Abseits von Allem

Warum die Wahl auf Sukhaya gefallen ist, war teils dem Zufall, teils unserer begrenzten Reisezeit geschuldet. Wir wollten nicht dorthin, wo alle anderen hinfahren und auch nicht zu weit weg von Ulan-Ude, das wir ja auch noch besichtigen wollen. Ersteres ist uns jedenfalls gelungen, Sukhaya könnte nicht weniger touristisch sein. Die Entfernung zu Ulan-Ude erscheint jedoch groß. Wobei, was sind schon zweieinhalb Stunden, nachdem wir schon seit drei Tagen durchgehend fahren? Aber ein Auto ist halt nicht annähernd so gemütlich wie der Zug. 

Denis spricht wenig, lächelt freundlich und macht gerne bei einem Supermarkt halt, wo wir uns mit dem Wichtigsten eindecken – wer weiß, wie abgelegen wir am Baikal See wirklich  sind? Es stellt sich heraus: sehr. Aber kleine Lebensmittelläden, die sogar Gösser Bier führen, gibt es auch dort.

Das Park Hotel – Unpassender Name, schwere Empfehlung

Ziemlich erschöpft kommen wir im Park Hotel an, dass auf einem bewaldeten Hügel liegt. Es gibt hier weder einen Park, noch ist die Unterkunft ein Hotel, sondern ein sehr familiäre Vollpension. Es gibt eine Saunahütte, einen kleinen Volleyball-Platz, eine Grillstelle, einen Spielplatz und eine äußerst gemütliche Hollywoodschaukel (auf das wippende Zuggefühl wollen wir jetzt nicht mehr verzichten). Die Gastwirtin, Elena, spricht kein Englisch und ist sichtlich nervös wegen uns ausländischen Gästen, aber eine quirlige Moskauerin namens Oxana nimmt uns gleich unter ihre Fittiche.

Sie erklärt uns, wann es Frühstück gibt und dass wir Bescheid sagen sollen, wenn wir auch zu Mittag und Abend im Park Hotel essen wollen, das es gegen sehr günsitgen Aufpreis gibt. Nachdem wir das Abendessen gekostet haben, wissen wir, dass wir von diesem Service auf jeden Fall so oft es geht Gebrauch machen wollen: traditioneller und authentischer könnten wir nirgends sonst Russisch essen. Auch die äußerst sympathische Frühstückszeit – 10 Uhr(!) – ist uns willkommen.

Russische Hausmannskost

Jede Mahlzeit besteht aus einer Suppe, mit Weißbrot als Beilage, eingelegtem Fisch und einem recht deftigen Fleischgericht sowie einer kleinen Schüssel Salat mit Mayonnaise-Dressing. Schwarztee können wir uns so viel nehmen wie wir wollen. Natürlich bekommen wir auch Omul, den endemischen Baikalfisch. Nachdem wir einmal nicht pünktlich zur – ohnehin schon sehr kulanten – Beginnzeit des Frühstück kommen, rügt uns die stets genervt dreinblickende Köchin pantomimisch. Von da an sind wir meistens die ersten im Frühstücksraum.

Oxana, die mit ihrer Mutter hier urlaubt, begleitet uns auf einen Spaziergang entlang des Baikal Sees, der nur 10 Minuten zu Fuß vom Park Hotel entfernt ist. Sie empfiehlt uns Stellen, wo es am besten zu Schwimmen ist und meint, wir sollten unbedingt einen Ausflug zum Weißen Felsen machen. Dort würde uns ein sehr schwieriger Steilhang erwarten, aber es würde sich lohnen. Wir machen also mit dem einheimischen Tourguide Georgi drei Touren für die nächsten Tage aus. Für den ersten Tag haben wir aber chillen, spazieren und saunieren geplant.

Kühe am Strand

Am nächsten Tag spazieren wir durch das Dorf. Die Häuser sehen aus wie kleine Hexenhäuschen in allen Farben mit aufwändigen Holzschnitzereien an den Fenstern. Jedes Haus scheint zumindest eine eigene Kuh zu haben. Kühe und Hunde haben hier völlige Bewegungs- und Narrenfreiheit. Sie sind überall, am Strand, auf der Straße, auf den Gehwegen. Nur die Kälber und die Wiesen, die nicht gefressen werden sollen, sind eingezäunt.

Der Baikal See ist kalt, das Wetter frisch, aber sonnig. Wir sitzen am weißen Sandstrand. Ein paar Meter weiter sonnen sich blonde Kühe. Als es abends Zeit zum Melken wird, laufen die Kühe selbstständig zu ihren Häusern zurück und kündigen das mit lautem Gemuhe an. Auf den Gehwegen müssen wir den riesigen Kuhfladen ausweichen, da fällt einem dann ein Hundstrümmerl gar nicht mehr auf.

Die idyllische Gegend, die wie ein russisches Bullerbü anmutet, eignet sich vor allem zum Flanieren und zum Müßiggang. Wir haben den idealen Ort zum Runterkommen gefunden.

(Nächster Beitrag: Bei den Schamanen)

 

 

 

 

Transsib Teil 6 – Von Novosibirsk bis Ulan-Ude

Unsere zweite Zugfahrt mit der Transsib starten wir um 2 Uhr morgens. Unsere Freude auf unser Kupe wird anfangs etwas gedämpft. Wir haben wieder zweite Klasse gebucht, nur diesmal haben wir ein deutlich älteres Modell erwischt. Das ist zwar schön vintage, aber insgesamt auch schon ziemlich abgeranzt. Die Wände sind in schicker Nussholzoptik und statt blauen Stoff gibt es braune Lederbänke, allerdings ist das Kupe auch etwas kleiner, schmutziger und es gibt keine eigenen Steckdosen im Abteil wie bei unserer ersten Fahrt. Das Klo für diesen Wagon ist ein hässliches Ungetüm, dem etwas Militärisches anmutet.

Holzklasse

Diesmal müssen wir uns selber das Bett machen, was in der Enge des Abteils ein mittleres Kunststück ist. In der Nacht befürchte ich, aus dem Bett zu fallen, da der Zug so heftig wackelt und holpert, zum Glück ist ein Schutz an den oberen Betten angebracht. Ist die Strecke rauer geworden oder liegt es daran, dass wir nun fast am Ende des Zuges liegen, rätsle ich.

Sogar unsere neue Provodniza ist etwas rescher als die vorige, aber sie sagt uns auch, dass wir zu ihr kommen sollen, wenn es Probleme gibt. Während im modernen 2. Klasse Abteil unserer ersten Fahrt, die Provodniza das Abteil mit einem Staubsauger zweimal am Tag reinigte, kehrt die Dame hier mit einem Besen.

Es kommt uns ein bisschen wie ein kleiner Abstieg vor, da wir ja schon in den Genuss eines neueren Abteils gekommen waren, aber schlussendlich hat diese Retro-Erfahrung ja auch seinen speziellen Charme. Spätestens am nächsten Morgen haben wir es uns schon wieder im Kupe gemütlich gemacht, wenn auch mit deutlich tieferen Augenringen unter den Augen.

Hauptbeschäftigung: Aus dem Fenster schauen

Das Steckdosenproblem hat die Familie im Abteil neben uns mithilfe eines Verlängerungskabels und einer Verteilersteckdose gelöst, um ihre technischen Geräte am Gang aufladen zu können. Wir müssen halt Akku sparen. Wie sich herausstellt, ist das kein Problem, weil aus dem Fenster sehen sowieso die beste Beschäftigung ist.

Die Landschaft ist jetzt abwechslungsreicher, buntere Wiesen, mehr Baumvielfalt, Bäche, sogar Hügel und immer wieder Dörfer mit kleinen, bunten Holzhäusern. Kaum vorstellbar, dass diese Hütten im kalten, sibirischen Winter bewohnbar sind. Doch jetzt ist vor jedem Haus ein kleiner Garten angelegt in dem Gemüse und Obst angebaut wird.

Wieder sind die Bahnhofstopps die willkommene Gelegenheit Vorräte aufzufüllen und sich die Beine zu vertreten. Wir halten in Krasnojarsk und Kansk und kaufen dort alten Damen Palatschinken mit Süßkäse und Grammelfüllung, frische Waldbeeren und getrockneten Fisch ab. Ich beeile mich, gute Fotos von den schönen Bahnhofsgebäuden und dem Treiben am Bahnsteig zu machen. Als es langsam gegen 10 Uhr dunkel wird, spielen wir Karten und trinken heimlich Bier und Wodka in unserem Abteil. Der letzte längere Stopp bevor wir uns schlafen legen ist Nischni Odinsk.

(Nächster Beitrag: Das Dorf der Kühe am Baikal See)

 

 

 

Transsib Teil 5 – Novosibirsk

Drei Nächte in Novosibirsk, ob das nicht zu lange ist? In den Erfahrungsberichten wird Novosibirsk als wenig sehenswert verunglimpft. Völlig zu Unrecht! Rückblickend war es eine gute Entscheidung hier ein bisschen zu verweilen, da Novosibirsk einen authentischen Einblick ins urbane russische Leben bietet.

Am fünften Tag unserer Russland-Reise kommen wir kurz vor Mitternacht in Novosibirsk an. Glücklicherweise liegt unser Hotel gleich gegenüber des Bahnhofsgebäudes, welches eine Sehenswürdigkeit für sich ist. Im edlen Jugendstil gehalten und mit Warteräumen wie Festsäle gehört der Novosibirsker Bahnhof zu den schönsten entlang der Transsib Route.

Das Marinsky Hotel, in das wir einchecken, ist hingegen ein grauer Koloss. Unser Zimmer liegt im 14. Stock, die Fenster beginnen auf Kniehöhe und lassen sich komplett öffnen – kein Gitter, keine Kindersicherung, aber der Ausblick ist toll. Solange man nicht mit Kleinkindern oder Schlafwandelnden reist, kann das Marinsky auf jeden Fall weiterempfohlen werden, denn es ist günstig und serviceorientiert. Außerdem hat es ein sehr sympathisches Hotel Restaurant, das Beerman & Grill.

In der Hauptstadt Sibiriens

Gejetlagged erkundigen wir am nächsten Tag die Hauptstadt Sibiriens. Wir haben nun bereits vier Stunden Zeitunterschied zu Moskau. Die Innenstadt ist urban, entspannt und birgt reichlich Ost-Charme mit alten Elektrobussen, riesigen Schlaglöchern in den Gehwegen und viel Beton. Da ist es nur stimmig, dass die Stadt über einen Wohnkomplex verfügt, der sich über mehrere Kilometer zieht und den Karl Marx Hof in Wien, wie eine kleine Mehrfamilienanlage aussehen lässt.

Vor dem gigantischen Staatlichen Theater für Oper und Ballett stehen sechs überlebensgroße Statuen – die Helden der Revolution. Selbstverständlich steht in der Mitte Lenin. Diesen Herrn werden wir auf unserer Reise noch sehr häufig zu Gesicht bekommen. Ich schätze wir haben rund 30 Statuen oder Denkmal-Bilder von ihm an den verschiedenen Bahnhöfen und während der Städtebesichtigungen gesehen.

Im Zentrum des alten Russlands

Es hat um die 30 Grad und wir brauchen schon bald eine Pause. Wir kehren in ein  sympathisches mexikanisches Restaurant namens Frida Kahlo einDie mexikanische Malerin hatte den russischen Revolutionär Leo Trotzky unterstützt. Das bunte Restaurant liegt im oberen Stock eines futuristisch anmutenden Gebäudes, gleich neben der kleinen Kapelle St. Nikolai. Das Wahrzeichen von Novosibirsk steht auf einer Verkehrsinsel zwischen zwei Fahrstreifen. Die Kapelle wurde 1915 anlässlich des 300-jährigen Jubiläums der Romanow-Dynastie gebaut und markierte lange den Mittelpunkt Russlands. Mittlerweile liegt der geographische Mittelpunkt Russlands in Krasnojarsk, aber das erfahren wir erst später.

Schwanensee im größten Ballett-Theater Russlands

Julia und ich wollen unbedingt ins Ballett, schließlich ist Russland dafür genauso bekannt wie für Wodka, Kaviar und Kazachok. Außerdem steht in Novosibirsk das größte Theatergebäude Russlands, das erstklassige Aufführungen anbieten soll. Wir haben Glück und ergattern tatsächlich die letzten(!) zwei Sitzplätze für die Aufführung von Schwanensee (50 EUR pro Person für die 5. Reihe).

Im Publikum sitzen viele Mütter mit ihren kleinen Töchtern, aufgemascherlt mit hübschen Kleidern und Frisuren. Wie viele wohl den Traum haben, einmal selbst auf der Bühne zu stehen? Was die Tänzerinnen und Tänzer leisten, ist mitreißend, beeindruckend und auch verstörend. Die physische Gewalt die Ballerinas aufbringen, um ihren Körpern diese Bewegungen aufzuzwingen ist unvorstellbar. Völlig ergriffen stoßen wir später zu Stefan und Michl, die sich schon einmal mit der Novosibirsker Lokalszene vertraut gemacht haben. Diese ist praktischerweise sehr komprimimiert auf und neben den Straßen Ulitsa Sovetskaya und Lenina zu finden.

Mit Schmutzwäsche durch die halbe Stadt

Am zweiten Tag in Novosibirsk lautet unsere Mission „Wäsche waschen“. Leider führen uns unsere Google Recherchen dreimal zu Putzereien, die unsere Unterhosen nicht entgegennehmen wollen. Die hilfreichen Erklärungen der Angestellten verstehen wir zunächst nicht, irgendwas mit Amsterdam und Studierende. Wie bitte? Wir irren durch Wohngebiete und Gegenden der Stadt, in die sich Touristinnen und Touristen eher selten verirren.

In der dritten Putzerei bekommen wir schließlich eine Adresse notiert. Google sagt, die liegt am anderen Ende der Stadt – leichte Resignation macht sich breit. Da bedeutet uns eine beherzte Kundin, wir sollen ihr folgen. Das tun wir auch und halten kaum Schritt, obwohl die Frau mit weißem Minikleid und Stöckelschuhen unterwegs ist. Sie schnappt meine Hand und zieht mich bestimmt voran. „Work“, erlärt sie. Als sie an der Himmelfahrtskirche auf der gegenüberliegenden Straßenseite vorbeigeht, bekreuzigt sie sich im Vorbeigehen. Bei der nächsten Metro-Station angekommen, zeigt sie uns am Fahrplan wo wir aussteigen müssen. Dann verabschiedet sie sich, indem sie uns einen Kussmund zuwirft und ist schon wieder verschwunden.

Die Himmelfahrts-Kirche

Wo die Studierenden waschen

Dank dieses Umwegs sehen wir immerhin die schönen Metro-Stationen, die sich von architektonischen, „überirdischen“ Bausünden der Stadt wohltuend abheben. Unser Ziel befindet sich im Amsterdam – ein Einkaufszentrum dessen Außenfassade im Stil niederländischer Fachwerkhäuser gebaut ist. Hier gibt es einen richtigen Waschsalon mit Bedienung zu dem offenbar vor allem Studierende zum Waschen herkommen. Jetzt macht alles Sinn.

Wir haben eine Stunde Zeit bis unsere Wäsche fertig ist und so stöbern wir durch die Geschäfte, die aus russischen und uns gänzlich unbekannten Ketten bestehen. In einem russischen Fast Food Franchise essen Pelemi und Burger. Ein sehr anti-touristisches Programm für den zweiten Tag in Novosibirsk.

Begegnungen

Auch in Novosibirsk werden wir überall freundlich gefragt woher wir kommen, ob in der Apotheke, der Putzerei, in der Hotelbar oder im Lokal. Wir scheinen aufzufallen, oder die Russ*innen tratschen einfach gern mit Fremden. Uns fällt jedenfalls auf, dass andere Tourist*innen rar sind. Der junge Kellner des Hotelrestaurants, Nikita, freut sich, dass er sein gutes Englisch beweisen kann und testet unsere Kyrillischkenntnisse.

Unsere Begegnungen sind die gesamte Reise hindurch bis auf eine Ausnahme durchwegs positiv, auch wenn die Sprachbarrieren leider nur oberflächliche Kontakte möglich machen. Nicht immer zu unserem Nachteil: Einmal überquere ich aus Versehen eine rote Ampel. Sofort kommt ein Polizist auf mich zu und schimpft etwas auf Russisch. Als ich schüchtern „English please…“ erwidere, winkt er aber sofort ab und geht zurück zu seinen Kollegen.

Russisches Billard

Flanieren am verseuchten Fluß

Am dritten Tag besuchen wir einen Markt und machen am Nachmittag einen Ausflug zum Fluss Ob. Dort gibt es eine Promenade zum Flanieren, einen Radweg (Radfahrende sind ein seltenes Bild) und einen heruntergekommenen Rummelpark. Die Luftschaukeln und Riesenräder knarzen wenig vertrauenswürdig, es gibt viele Schießbuden und hässliche Trampoline, aber es ist viel los.

Der Fluss selbst ist eine der wichtigsten Wasserstraßen Sibiriens und wird zur Energiegewinnung genutzt. Leider ist er extrem mit Rohöl verschmutzt und dazu gelangt auch noch radioaktiv verseuchtes Wasser des Karatschai-Sees über Grundwasserströme in den Ob.

Mindestens ebenso skurril ist unser Besuch im „Puppenhaus„, einem erstklassigen Restaurant für russische Hausmannskost. Gleichzeitig hat es auch die geschmackloseste Einrichtung, die ich je gesehen habe. Nicht einmal Stephen King hätte das Ambiente gruseliger gestalten können. Jede Nische dieses verwinkelten Gebäudes ist ein einem anderen Puppenhausstil gestaltet. Es wimmelt von Clowns, Figuren und Miniaturwelten. Nichts für feinfühlige Ästhetinnen und Ästheten, aber unser Essen schmeckt. Bärenfleisch lassen wir aus und essen stattdessen Steinpilzsuppe mit Zwiebelbrot, Wild und alles mit obligatorischem Sauerrahm (сметана, Smetana).

Unsere Weiterfahrt beginnt wieder in der Nacht, um 1 Uhr früh. Wir bekommen einen Late-Check-out und vertreiben uns die letzten Stunden bis zur Abreise im Hotelzimmer. Noch einmal duschen vor einer dreitägigen Reise schadet ja auch nicht! Unsere nächste Station wird Ulan-Ude sein.

(Nächster – ausnahmsweise sehr kurzer – Beitrag: Von Novosibirsk bis Ulan-Ude)