Escape, Transsib Reise
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Transsib Teil 11 – Die vielen Gerüche der dritten Klasse

Wurstschwaden durchziehen den Gang. Irgendjemand genehmigt sich um 4 Uhr früh einen Fleischaufstrich. Jetzt verstehe ich, warum der englische Name dieses „Gerichts“ als Spitzname für lästige E-Mails auserkoren wurde. Die Ausdünstungen von „Spam“ sind ebenso hartnäckig wie unerwünschte Internetwerbung.  Dritte Klasse bedeutet vor allem Gerüche. Gerüche von Talg und Schweiß, von harten Eiern, Instantnudeln, kaltem Brathendl und den Flatulenzen, die diese Speisen erzeugen.

Gegen Schnarchen oder das aufgeregte Kichern der Jugendgruppe helfen Ohrenstöpsel, aber gegen Gestank hilft nur Akzeptanz.

Es ist unsere erste Nacht in der dritten Klasse. 56 Plätze bieten diese Abteile und der Zug ist gut gebucht. Ausgerechnet den längsten Abschnitt der Reise – 62 Stunden am Stück – werden wir nicht im kamotten Kupe verbringen. Es hatte sich aufgrund der Verbindungen und verfügbaren Tickets so ergeben und ich wollte sowieso unbedingt auch das „richtige“ Transsibfeeling erleben und einmal Platzkartny – also dritte Klasse – fahren.

Čita

Mitten in der Nacht hält der Zug am Bahnhof Čita für 50 Minuten weshalb wir aussteigen, denn wer weiß wann wir dazu wieder die Gelegenheit haben. Im Dunkeln erkunden wir Bahnhof und Umgebung. Wir kaufen Produkty und bekommen von einem Verkäufer abgelaufenen Smetana, Sauerrahm, geschenkt. Eine Kirche mit goldenen Zwiebeltürmchen und eine Statue (Lenin, fix) sind zu erkennen. Später lese ich im Reiseführer, dass es sich um die Kathedrale der Kazaner Gottesmutter handelt und bei der Statue natürlich um Lenin.

Im Bahnhofsgebäude werden Souvenirs verkauft. Ein ganzer Laden ist Spielzeug im Military Look gewidmet: Teddybären im Soldatenoutfit, kleine Spielzeugpanzer und anderes pädagogisch Wertvolles.

62 Stunden im Zug

Nach unserer ersten Nacht, wachen wir recht zerstört irgendwo zwischen Chernysh Zab und Mogoča auf. Als Bauchschläfer tut sich Stefan mit den harten Pritschen schwer und da unsere Füße zum Gang raushängen, stößt immer mal wieder jemand beim Vorbeigehen an.

Während wir in unseren Kupes wie in einer gemütlichen Höhle geschlafen haben, gibt es hier überall Lichtquellen: Das Notlicht von der Decke, das Tablet-Display des kleinen Jungen gegenüber, der keine Müdigkeit zu kennen scheint und auch das Rollo vorm Fenster lässt sich nicht ganz schließen.

Julia und ich schlafen oben und schaffen uns mithilfe von Schals und Handtüchern Sicht- und Lichtschutz. Ganz heimelig aber auch ziemlich eng – so eng, dass ich beim Umdrehen aufpassen muss, mich nicht an der Wand zu stoßen.

Tagsüber gibt es wieder viel zu schauen. Die Landschaft ist seit Ulan-Ude interessanter geworden. Unbegradigte Flüsse schlängeln sich über grüne Wiesen, ein Anblick den man bei uns gar nicht mehr sehen kann. Hier stört der Fluss niemanden, denn es gibt keine Häuser, nur Strommästen, die im Wasser stehen.

Mogoča

Nach 13,5 Stunden dürfen wir wieder einmal den Zug verlassen. Leider steht gerade ein anderer Zug am gegenüberliegenden Gleis, weshalb uns nichts anderes übrig bleibt, also am schmalen Bahnsteig zwischen den zwei Zügen hin und her zu spazieren. Eine ältere Damen in Leggins hebt ihren übergewichtigen Dackel auf die Gleise, damit er sich dort erleichtern möge, doch dem wurstartigen Tier behagt das gar nicht. Zum Glück fährt der andere Zug schließlich doch weiter und ein paar Mutige laufen hastig über die Gleise um noch schnell Wasser und Snacks zu kaufen. Jetzt sind es noch 26 Stopps bis Vladivostok.

Amazar

In Amazar haben wir mehr Glück. Wir kaufen hausgemachte Spezereien von den Damen, die am Bahnsteig ihre Waren – Salat, Piroggi, gekochte Eier, Kartoffeltaschen und Gemüse – feil bieten. Neugierig kaufen wir auch eine rätselhafte, goldglänzende Stange, die wie Kaugummi gekaut werden kann, aber vollkommen bitter schmeckt. Wieder ein Rätsel, dass wir aufgrund unserer fehlenden Russischkenntnisse nicht lösen können.

Erofej Pavlovič – Das Boot

Wie viele Orte, ist auch Erofej Pavlovič wegen des Baus der Eisenbahn entstanden. Das riesige Bahnhofsgebäude, das wie ein Wikingerschiff aussieht, täuscht darüber hinweg, dass hier gerade einmal 5.000 Menschen wohnen.  Die Schiffsspitzen, die vom Gebäude wegragen, erinnern an eine sogenannte Koč – Boote mit denen die Russen Sibirien eroberten.

Neue Bekanntschaften

Die erwachsenen Mitreisenden bleiben eher unter sich oder starren auf ihre Laptops, aber mit den Kindern im Zug freunden wir uns an, nachdem eine freche Zweijährige Stefans Wasserflasche entführt. Wir teilen unsere Süßigkeiten und wenden unser spärliches Russisch an (Kak tibija sawut? Wie heißt du? Atkuda wui? Woher seid ihr?) und die Kinder kennen ein paar englische Wörter und Sätze.

Alle Kinder wollen wissen, welche Handys wir haben und welche Computerspiele wir kennen. Zwei Jungen im Grundschulalter sind besonders von unseren Stirnlampen mit Bewegungsmelder fasziniert. Besonders gesprächig ist unser Pritschen-Nachbar Maxim. Er stellt uns viele Fragen und übt mit Julia ein paar deutsche Sätze. Der kluge Bub ist gerade mit seiner Mutter unterwegs um ein Feriencamp zu besuchen.

Im Boardrestaurant haben wir die einzige negative Erfahrung der Reise. Die Kellnerin verrechnet uns 15% Service Gebühr obwohl das in Russland verboten ist. Sogar unser Trinkgeld nimmt sie an. Als wir reklamieren redet sie sich raus, aber ihr Kollege setzt sich für uns ein und wir bekommen immerhin einen Teil zurück. Kopfschüttelnd erklärt uns ihr Kollege, dass sie ein „Chicken“ sei.

Obluch’e

Der letzte Tag in der Transsib. Ich will noch lange nicht aussteigen, auch wenn mir vor Müdigkeit der Kopf dröhnt. Aber ich musste ja unbedingt um 7 Uhr früh aufstehen um mir am Bahnhof Belagorsk die Beine zu vertreten. Diese Entscheidung erweist sich allerdings als goldrichtig, denn bis zum Aufenthalt in Chabarovsk, 11 Stunden später, gibt es nur die kurze Ausstiegsmöglichkeit in Obluch’e.

Die Logik, warum der Zug bei manchen Orten hält und bei anderen nicht, ist uns nicht immer klar. Aber vermutlich hängt es damit zusammen, dass die Orte auf die Lieferungen, die mit der Transsib kommen, angewiesen sind und manche Bahnhöfe Ladestellen sind. Jedenfalls halten wir 15 Minuten in Obluch’e wo es absolut nichts gibt, bleiben hingegen in Birobidzan nur kurz stehen.

Birobidzan ist die Hauptstadt des Jüdischen Autonomen Gebiets, dass unter Stalin geschaffen wurde. Der Name des Bahnhofs ist in hebräischen Buchstaben angeschrieben. 40.000 freiwillige Siedlerinnen und Siedler gingen in den Jahren nach 1934 in den fernen Osten der UdSSR. Da es sich um eine äußerst unwirtliche Gegend handelt, ist es kein Wunder, dass die jüdische Bevölkerung heute nur mehr acht Prozent beträgt, da viele ab Ende der 1980er Jahre nach Israel auswanderten.

Chabarovsk

Erst am Abend nach 19 Uhr, können wir für 20 Minuten den Zug in Chabarovsk verlassen. Obwohl es ein großer Bahnhof ist, von dem man auch einen guten Blick über die Stadt hat, können wir nur Wasser kaufen, weil die Schlangen vor den Märkten zu lange sind und wir die Zeit mit Kwas trinken vertrödelt haben.

Vjazemskaja

Erst in Vjazemskaja um 21 Uhr 22 schaffe ich es, während eines 10-minütigen Aufenthalts heldinnenhaft Bier aufzutreiben. Die Dame, die ihre selbstgemachten Speisen verkauft, bietet zwar zuerst kein Bier an, aber als ich sie danach frage, öffnet sie einen zweiten Boden ihres Korbs und – ta-da – Bier kommt unter Cola und Wasserflaschen zum Vorschein.

Wir kaufen außerdem Kukuruz, mit Ei und Essigurke gefüllte Fleischlaibchen und fette krapfenartige Speisen mit Wurst, Kraut oder Erdäpfel-Füllung. Dann tun wir es unseren Mitreisenden gleich und jausnen ordentlich auf.

Die letzten Kilometer in der Transsib

Nach dem Genuss der fettigen Speisen legen wir nun mit vollen Bäuchen die letzten Kilometer bis zur Endstation in Vladivostok gemächlich schaukelnd zurück. Dann haben wir Russland von Westen bis Osten bereist. Von China, an dem wir jetzt entlang fahren, sehen wir nichts, es ist Nacht. Mittlerweile stinkt es schon erbärmlich in unserem Abteil und trotz der Klimaanlage ist es jetzt auch noch zu heiß.

Ich bin wehmütig, aber auch sehr gespannt auf Vladivostok. Noch einmal sehe ich mich im Wagon um. Schlafend schauen alle friedlich und niedlich aus. Besonders die Kinder, aber auch der unfassbar dicke Mann, dessen entblößte Wampe über die Pritsche hängt, sodass man an ihr streift, wenn man vorbei Richtung Klo geht. Ich beginne die Gesetze der Physik zu hinterfragen, denn eigentlich müsste er hinunterfallen, denn das meiste seiner Körpermasse ragt über sein Bett hinaus.

Leider schlafen aber nicht alle. Eine Ferienlagergruppe ist vor Kurzem eingestiegen. Die Teenager kichern und wispern die ganze Nacht, während sie sich jeweils zu zweit in eines der engen Betten quetschen und auf ihre Handys blicken. Um 4 Uhr früh packt dann auch noch die alte Dame neben uns ihre Wurst-Eier-Jause (wieder) aus und knistert dabei als wäre jedes einzelne Brotkorn in Folie eingepackt.

Am Ziel: Vladivostok

Um 7 Uhr früh kommen wir nach dieser mühsamen Nacht an unserem Zielbahnhof an. Davor fahren wir an kleinen Holzhäusern und Gärten in Nebelschwaden vorbei, dann entlang am Meer und schließlich, als wir einfahren, geht die Sonne auf. Völlig fertig, aber euphorisch schleppen wir uns im goldenen Morgenlicht durch den schönen, im Jugendstil gehaltenen, Bahnhof in Richtung Innenstadt.

Dort werden wir von moderner Architektur und einer faszinierenden Brücke überrascht. In einer 24h-Bar frühstücken wir gemeinsam mit einem sturzbetrunkenen russischen Pärchen und japanischen Touristinnen und Touristen. Danach schleppen wir uns zum Strand, schwimmen gemeinsam mit den zahlreichen Pensionistinnen und Pensionisten, die auch am anderen Ende der Welt die Frühaufsteher sind und schlafen noch ein bisschen, bevor wir uns um 12 Uhr mit dem Taxi auf zu unserem Hotel machen.

(Nächster Beitrag: Vladivostok)

 

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