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Reisetipp für die Übergangszeit – Auf nach Plowdiw!

Aus gegebenen Anlass unterbreche ich meine Transsib-Reiseserie für all jene, die vielleicht gerade ein Reiseziel für die Übergangszeit suchen. Ein Ziel, das wärmer als unsere Gefilde ist, aber kein Langstreckenflug inklusive Jetlag benötigt und Programm für alle Wetterlagen bietet. Und dabei handelt es sich um: Plowdiw.

Was ist Plowdiw? Wo ist Plowdiw? Und warum solltet ihr euch das ansehen? Hier erfährt ihr mehr.

Verdiente Kulturhauptstadt 2019

Plowdiw ist die zweitgrößte Stadt im Südwesten Bulgariens, 120 km entfernt von der Hauptstadt Sofia. Als ich 2017 zufällig davon las, dass dieser, mir bis dato, völlig unbekannte Ort, Europäische Kulturhauptstadt 2019 werden würde, blieb mir der Name irgendwie im Gedächtnis hängen. Ich dachte mir, warum nicht hinfahren bevor Tourist*innenströme in Massen den Ort belagern? So kam es, dass mein Freund und ich zu einer eher untypischen Jahreszeit – grauer November – einen Ausflug in den Südosten Europas machten.

Und da hätten wir echt schon früher darauf kommen können, denn Bulgarien hat viel zu bieten: Die Ostküste verspricht im Sommer einen günstigen Meerurlaub und im Frühling und frühen Herbst lädt das Balkangebirge zum Wandern, im Winter zum Skifahren ein. Der unattraktivste aller Monate bot uns die Gelegenheit Plowdiw und Sofia unsere volle Aufmerksamkeit zu schenken. Und diese haben beide Städte – nicht nur im Kulturhauptstadtjahr – mehr als verdient.

Alte, turbulente und beeindruckende Geschichte

Plowdiw gehört – neben seiner Kulturhauptstadtkollegin Matera zu den ältesten Städten Europas und hat schon unterschiedlichste Völker beherbergt. Zwar ist Matera ganze 1000 Jahre älter, aber Plowdiw gehört zu den wenigen Städten dieser Erde, die seit 8000 Jahren durchgehend besiedelt waren.

Die Beweise dafür finden sich unter anderem auf dem Hügel Nebet Tepe am Dreihügelmassiv. Dort gibt es auch Reste der mittelalterlichen Stadtmauer und eine tolle Aussicht über die Stadt sowie auf die Alyosha Statue am Bunarjik Hügel. Diese 11 Meter hohe Statue, die einen sowjetischen Soldaten darstellt, wird 24 Stunden am Tag bewacht, um sie vor Vandalismus zu schützen. Insgesamt erstreckt sich das heutige Plowdiw über sechs Hügel, ein siebter wurde im 20. Jahrhundert zerstört.

Archäologische Fundgrube

Die Thraker*innen, Kelt*innen, Römer*innen, Byzantiner*innen, Osman*innen, Slaw*innen, – sie alle haben ihre Spuren in dem hübschen Stadtkern hinterlassen.

Um ein paar Highlights aus der frühesten Geschichte Plowdiws zu nennen: 342 v. Chr. als die Makedonier die thrakische Siedlung am Nebet Tepe kurzfristig eroberten, wurde die Stadt in Philippopolis (nach dem Vater von Alexander den Großen) benannt. Später geriet die Stadt wieder unter thrakische Herrschaft und hieß Pulpudeva. 72 v. Chr. wurde sie von den Römern erobert und Trimontium genannt, nach den drei Hügeln auf denen sie stand. Die Römer bauten Straßen, welche die Stadt wirtschaftlich und kulturell aufblühen ließen, und hinterließen eine Reihe an wichtigen öffentlichen Gebäuden, deren Überreste heute besichtigt werden können.

Zum Beispiel das Antike Theater von Philippopolis, welches im 20. Jahrhundert restauriert wurde und nun als Stätte für verschiedene Festivals dient. Das Theater thront prominent zwischen zwei Hügeln über einer vielbefahrenden Straße, die der genialen Akustik angeblich nichts anhaben kann. Natürlich finden auch im Kulturhauptstadtjahr zahlreiche Veranstaltungen im antiken Theater statt.

Ein römisches Stadion unter der Einkaufsstraße

Eine weiter Attraktion ist das Stadion aus der Zeit Kaiser Hadrian (117-138). Es gehört zu den größten und zu am besten erhaltenen Gebäude des antiken Roms auf der Balkaninsel. Das römische Stadion mit einer ungefähren Länge von 240 m und 50 m Breite sowie einer Sitzplatzkapazität von 30.000 Personen liegt jedoch zum Großteil unter der Hauptfußgängerzone Plowdiws. Ein Teil davon kann direkt vom Dschumaja-Platz aus besichtigt werden, einzelne Elemente sind in den Kellern der Häuser und Geschäfte der Fußgängerzone zu finden. Im Gebäude des Kleidergeschäfts H&M können während des Einkaufens die antiken Überreste im Untergeschoß bewundert werden.

Direkt neben den begehbaren Teil der Stadionruinen, steht die Dschumaja Moschee. Sie gilt als eine der ältesten Moscheen Europas (nur in Spanien gibt es ältere). Das Café im Gebäude der Moschee bietet außerordentlich guten Mokka und Süßspeisen an.

Schon als Plowdiw noch Philipppopolis hieß, war die Stadt ein kosmopolitisches Zentrum mit unterschiedlichsten ethnischen Gruppen und Religionen. So wurden Reste einer Synagoge aus der ersten Hälfte des 3. Jahrhunderts n. Chr. sowie christliche Kirchen aus Anfang 5. Jahrhundert entdeckt.

Bauten aus der „Wiedergeburt Bulgariens“

Die Altstadt ist eine weitere Sehenswürdigkeit für sich. Die prächtigen Häuser der Bürgerlichen aus Anfang des 18. Jahrhunderts, der sogenannten Wiedergeburt Bulgariens, haben einen einzigartigen Baustil. Die Bulgarische Wiedergeburt bezeichnet eine Epoche von radikalen Umbrüchen in allen Sphären der Gesellschaft, Ökonomie, Politik, Religion und Kultur.

Neben den kunstvoll verzierten Häusern, finden sich in der Altstadt auch zahlreiche Museen. Insbesondere das Ethnographische Museum ist für Ethnologinnen und Ethnologen interessant. Nach einem Spaziergang durch die bürgerlichen Prachtbauten, ist ein Abstecher in das kleine aber sehr feine Absinthe House Plovdiv ein guter Ausgleich. Es bietet die perfekte Mischung aus Verwegenheit, Urigkeit und Stil.

Das Absinthe House Plowdiw

Das Hipsterviertel Kapana

Als wir 2017 Plowdiw besuchten, waren wir direkt im hippsten Viertel der Stadt untergebracht: Kapana! Hier reihen sich hübsche Vinyl-, Design- und Kunsthandwerkläden an eine überwältigende Ansammlung an Bars, Cafés und kleinen Restaurants, die Craft Beer, bulgarische Weine und die traditionelle Küche neu interpretiert anbieten. Das Viertel wurde teilweise zur Fußgängerzone umgewandelt und so stehen bis in den Spätherbst Sitzgelegenheiten vor den Läden und gastronomischen Betrieben.

 

Neben den vorrangig jungen und feschen Menschen, die es sich in den engen Gassen vor den Lokalen gemütlich machten, fiel uns auf, dass ausschließlich jedes Geschäft, jedes Lokal, jede Bar komplett neu und nach den heißesten Trends auf Pinterest und Co. eingerichtet war. Als hätten sie alle gleichzeitig aufgemacht und sich jeder auf ein eigenes Konzept geeinigt, damit alles was gefällt vorhanden ist und sich niemand im Weg steht. Aber auch kulturelle Zentren, etwa der armenischen Bevölkerung, finden sich in Kapana.

Instagram-Disney-World

Alte Gebäude aus Anfang des 20. Jahrhunderts strahlen in bunten Farben, jede freie Fläche ist mit Street Art verziert. In den Bars kamen uns Gäste und Personal alle miteinander befreundet vor. Als hätten wir ein fremdes Wohnzimmer oder einen schicken Partykeller gecrasht. Dieser kleine Stadtteil verwirrte und faszinierte uns. Fast hätten wir alten Bobos uns nicht mehr heraus bewegt. Dabei liegen die historischen Sehenswürdigkeiten von Plowdiw in gemütlicher Spaziergehweite. Passenderweise heißt Kapana auch übersetzt „die Falle“.

Es wirkte, als hätten der King und die Queen of Hipsters sich ihr eigenes instagramtaugliches Disney World zusammengestellt. Doch Kapanas Geschichte ist viel spannender, als der hippe Minikosmos vielleicht scheinen mag. Tatsächlich wurden die Gassen bis vor ein paar Jahren noch hauptsächlich als Parkplatz genutzt.

Vom osmanischen Markt- zum Parkplatz

Kapana war noch in den 1980ern ein runtergekommenes Stadtviertel und das mitten im Zentrum von Plowdiw. Dabei hatte es so gut angefangen: Als Marktplatz (Charshiya) während der frühen Osmanischen Periode, war die Gegend der Hotspot des städtischen Lebens. Nachdem die Russen, die Osmanen von der Herrschaft über Bulgarien „ablösten“, verfiel Kapana zusehends. Ein großes Feuer tat sein übriges und zerstörte die architektonisch wertvollen Gebäude des Charshiya für immer.

So sieht der nicht renovierte Teil Kapans aus

Weltkulturerbe

Zwar wurde Kapana nach dem ersten Weltkrieg neu aufgebaut und wieder besiedelt, verkam aber zu einer armen, vernachlässigten Gegend. Die Pläne hier ein Einkaufszentrum nach amerikanischen Vorbild entstehen zu lassen, wurden – der langsamen Bürokratie sei Dank – nie verwirklicht. Stattdessen trat 1975 die Welterbekonvention der UNESCO in Kraft. Dies legte die Basis, das in den 80er-Jahren die Gegend als Kunst und Handwerksviertel revitalisiert wurde. Dank Restaurationen konnten 80 der 400 Gebäude in Kapana den Status als Weltkulturerbe erhalten.

Kreative Stadtteilrenovierung

1981 lancierte eine Gruppe aus Kunstschaffenden, Architekt*innen und Designer*innen ein Projekt zur Renovierung von Kapana in einen multifunktionellen Ort für Kunst und Kultur. Die alten Gebäude sollten erhalten werden, neue passend zum Rest gestaltet werden. Aber auch dieses preisgekrönte Projekt scheiterte, als sich mit dem Zerfall der Sowjetunion die politische und ökonomische Situation änderte.

Erst zwischen 2012 und 2018 wurde aus Kapana der kulturelle und angesagte Stadtteil, der er heute ist. Mit Blick auf die Kulturhauptstadtaustragung in 2019, vermietet die Plowdiw 2019 Foundation seit 2014 jeweils für ein Jahr einzelne Gebäude in Kapana gratis oder zu einem Spottpreis an unabhängige Kreative, Unternehmerinnen und Unternehmer. Im Austausch sollten diese attraktive lokale Geschäfte, Restaurants, Bars, Ateliers, Galerien, kulturelle Veranstaltungen, Workshops und Performances schaffen. Vor allem junge Leute konnten hier ihre Pläne verwirklichen.

So wurde aus Kapana ein sehenswertes, entspanntes Viertel, das sowohl tagsüber als auch abends, Einheimische und Touris anzieht. Wem das zu wenig Ecken und Kanten hat, kann ja gerne selber neben einem Einkaufszentrum oder einer mehrstöckigen Garage leben – gegen solche Projekte wehren sich die Einheimischen nämlich bis heute mittels Kulturinitiativen und Protest erfolgreich.

Fazit

Plowdiw ist auf jeden Fall einen Besuch Wert. Das gilt das ebenso für die Hauptstadt Sofia, von der ich bei Gelegenheit berichten werde. Sehr schöne Ausflüge lassen sich zudem in die Umgebung machen, zum Beispiel zum bulgarisch-orthodoxen Bachkovski Kloster, zur Assen Festung und in die Rhodopen. Also auf nach Bulgarien!

 

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