Challenge: Nicaragua
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Das Unbegreifliche

Eines Abends am Sonntag, eine Woche vor Semana Santa, diese unglaubliche Nachricht. Ich sitze gerade bei einem Bier vor dem Haus von Maria und unterhalte mich mit ein paar Leuten, da geht die Nachricht wie ein Lauffeuer im Viertel Walter Ferrety herum: Brendas Tochter wurde ermordet. Von ihrem Mann, Vater ihrer drei Kinder, ein Polizist.

Während ich noch gar nicht begriffen habe, springt Maria auf und läuft zum Haus von Esmeralda. Brenda selber ist nicht da, sie ist sofort nach Niquinohomo gefahren. Zu dem Ort in dem ihre Tochter gelebt hat. Esmeralda und Maria wissen was zu tun ist. Schnell wird alles zusammengepackt um ebenfalls nach Niquinohomo zu fahren, das ungefähr eineinhalb Stunden entfernt von Managua ist. Autos und Fahrer werden organisiert, schwarze Kleidung übergezogen und eine Garnitur zum wechseln. Die ganze Nacht werden sie Totenwache halten, trauern und beten. Ich soll auch mitkommen, aber ich sage schließlich ab, ich habe Angst vor dem was mich dort erwartet.

Erst nach und nach werden die Details klar: eine klassische Eifersuchtsgeschichte wie man sie immer wieder in der Zeitung liest. Brendas Tochter und ihr Mann lebten schon länger getrennt. Er wollte das nicht, hat lange versucht sie zu halten, versucht sie mit Geld zu erpressen und sie hat nachgegeben, auch wegen der Kinder. Doch dann wollte sie ein neues Leben anfangen, hat ihre Handynummer geändert, den Kontakt völlig abgebrochen. Er hat trotzdem gewusst, dass sie an diesem Tag ins öffentliche Schwimmbad geht. Er verfolgt sie, es kommt zu einem Streit, wütend stürmt er davon und kommt zurück um vier Schüsse auf die Frau, die er angeblich liebt, abzufeuern. Die Kinder sehen wie ihre Mutter stirbt. Später können auch alle anderen die Leiche der 34-Jährigen im Fernsehen sehen. Im Badeanzug, nicht einmal richtig zugedeckt.

Auch ihn sieht man im Fernsehen, wie er schreit und weint, während ihn Badegäste festhalten bis die Polizei kommt. Vier Kugeln für sie, doch als er die Waffe auf sich selber richtet, funktioniert sie nicht mehr.

Schon am nächsten Tag ist das Begräbnis. Es ist heiß in Nicaragua, Kühlräume gibt es nicht. Gemeinsam mit dem Amucobu-Team fahre ich nach Niquinohomo. Dort haben die Nachbarn in beeindruckender Windeseile alles für die Bewirtung der Gäste organisiert. Auf der Straße sind zwei Pagoden-Zelte aufgebaut und an die hundert Plastikstühle stehen bereit. In zwei enormen Pfannen wird ein Reisgericht zur Versorgung der Gäste gekocht. Gaseoas wie Cola und Fanta werden ausgeschenkt um den Durst der Wartenden zu stillen und kleine Packungen Salzkekse werden verteilt.

Im Haus ist die Tote in einem Sarg aufgebart. Ganz Niquinohomo kommt vorbei um zu kondolieren, viele bringen Blumen, manche riesige Gestecke – wieviel Geld das für diese Leute sein muss, frage ich mich. Brendas Tochter war Lehrerin und sehr beliebt. Auch ihre Schüler und Schülerinnen kommen. Viele Besucher machen ein Handy-Foto von der hübschen Frau, die wie eine Wachspuppe daliegt.

Brenda sitzt vor dem Sarg, ich sich gefallen, völlig verstört, gezeichnet vom Unbegreiflichen. Ihr Schmerz erfüllt den ganzen Raum. Sie kann weder trinken noch essen, kaum atmen. Dann lerne ich die Töchter des Mordopfers kennen, erst 14 und 8 Jahre alt, den Jüngsten sehe ich nicht. Alle drei werden sie psychologisch betreut. Die Kinder schwanken zwischen weggetretener Höflichkeit gegenüber den vielen Menschen, die gekommen sind und absoluter, verzweifelter Trauer.

Gemeinsam mit den anderen Gästen warte ich bis das Begräbnis beginnt. Die Erwachsenen erzählen den Kindern jedes kleinste Detail des Mordes. Einmal werde ich als Modell hergehalten um zu demonstrieren wo die Kugeln eingetreten und wieder ausgetreten sind und wo die eine Kugel stecken geblieben ist.

Es ist erdrückend heiß. Wir warten. Eine Zeit lang sitze ich bei Brenda, weiß nichts zu sagen. Sie erzählt mir wie hübsch ihre Tochter war. Dann schweift ihr Blick wieder ins Leere, immer wieder schüttelt sie den Kopf, als könne sie es noch nicht glauben.

Um drei Uhr beginnt der Beerdigungsumzug, der von einer Musikkappelle angeleitet wird. Die Masse formiert sich für den Aufbruch in die einen Fußmarsch von fünf Minuten entfernte Kirche. Brenda bricht zum ersten Mal zusammen. Nur mit Hilfe, schafft sie den Weg. Das letzte Stück wird sie getragen.

Wieder bin ich beeindruckt wie schnell, innerhalb nur weniger Stunden, die Leute es geschafft haben, einen richtig schönen Trauergottesdienst zu organisieren – mit einer Band und SängerInnen. In Österreich kann es schon einmal zwei Wochen dauern bis ein Begräbnis stattfindet.

Unzählig viele Menschen sind gekommen, alle haben ihre alltäglichen Arbeiten beiseite gelegt. Niquinohomo hat ungefähr 13.500 Einwohner und mir scheint, dass mindestens 1000 Leute am anschließenden Marsch zum Friedhof teilnahmen. Die Straße voller Menschen, bewegt sich der Begräbniszug noch langsamer als üblich fort.

Scheinbar endlos gehen wir, begleitet von der in Nicaragua typischen Begräbnismusik, durch die späte Nachmittagshitze. An den Seiten der Straßen stehen Menschen und sehen zu wie der Sarg von sechs Männern getragen wird. Ich verliere Brenda aus den Augen, die ohne Stütze nicht gehen kann. Immer wieder sehe und höre ich das Klagen der älteren Tochter und es zieht mir den Magen zusammen.

Kurz vor dem Friedhof wird das Begräbnis abgebrochen, weil sowohl Brenda als auch ihre Enkelkinder einen endgültigen Zusammenbruch erlitten haben. Die Menge löst sich auf und ich weiß bis heute nicht, wann das eigentliche Begraben stattgefunden hat.

Auf der Ladefläche eines Jeeps fahre ich zurück nach Managua ins Walter Ferrety.

Für Brenda und ihre Familie bleibt keine Zeit zu ruhen. Wenige Tage später ist schon die erste Gerichtsverhandlung mit dem Ehemann/Schwiegersohn/Vater/Mörder. Eine Frauenrechtsorganisation ist zur Unterstützung angetreten. Die Höchststrafe wird angestrebt. Seit 2012 wird der Mord von Männern an Frauen aus Eifersucht oder ähnlichen Motiven als eigenes Verbrechen registriert. Das Gesetz 779 definiert Femicide als die extremste Art von geschlechtsbezogener Gewalt, welche von einem Mann gegenüber einer Frau ausgeübt wird um sein Bedürfnis zu stillen, über diese Macht, Dominanz und Kontrolle auszuüben. Gleichzeitig bezieht dieses Gesetz auch alle anderen Formen der Gewalt gegenüber Frauen mit ein. Dennoch ist es nicht immer selbstverständlich, dass die Mörder eine hohe Strafe erhalten, erklären mir Fatima und Esmeralda.

Neun Tage nach dem Begräbnis, gibt es ein weiteres Zusammentreffen, bei dem der Toten gedacht wird. Eine wichtige Sache, bedenkt man wie schnell das Begräbnis stattfand.

36,5 Jahre Haft

Nach Semana Santa finden die letzten Gerichtsverhandlungen statt. Am Tag der Urteilsverkündung fahre ich mit den Amucobu-Leuten nach Masatepe zum Gericht – ein kleines, unscheinbares Gebäude. Davor hält die Frauenorganisation Plakate hoch um auf die Gewalt gegen Frauen aufmerksam zu machen. Im klitzekleinen Gerichtszahl drängen sich die Angehörigen und Journalisten. Viele filmen mit den Handys mit.

Die Richterin liest eine lange Liste an Paragraphen vor, doch die Hauptaussage ist: 36,5 Jahre Haft – die Höchstrafe. Mehr als 30 Jahre Gefängnis existieren zwar in Nicaragua nicht, aber die Symbolik ist klar: Keine Milde. Ein kleiner Erfolg.

Der Verurteilte erhebt keinen Einspruch, er wird durch die Zuschauermenge abgeführt. Fatima erzählt, im Gegensatz zu vielen anderen Männern, die den Frauen die Schuld an ihrer eigenen Ermordung geben, bereut er seine Tat.  Wäre er nicht berauscht gewesen, hätte er vielleicht anders gehandelt. Wäre er nicht in einer Machokultur aufgewachsen, in der Frauen oft wie Objekte behandelt werden, hätte er dann anders auf ihre Zurückweisung reagiert? Vielleicht hätte er nach dem Streit einfach das Weite gesucht. Hätte nicht seine Polizistenwaffe geholt und wäre zurückgekehrt um sein verletztes Ego mit vier Kugeln in ihren Körper zu entladen. So haben drei Kinder innerhalb von Sekunden beide Eltern verloren. Und Brenda hat eine Tochter verloren. Schon wieder. Es ist nicht der erste Verlust eines Kindes, den sie verkraften muss. Ihr Sohn ist durch einen Unfall ums Leben gekommen. 12 Jahre hat sie gebraucht um den Schmerz zu überwinden.

Ich weiß nicht ob Brenda diesen Schmerz diesmal besiegen kann. Sie ist eine starke Frau, sie muss stark sein für ihre drei Enkel, aber ich glaube nicht dass sie jemals wieder die Alte wird. Ich habe Brenda, die als Schuldirektorin mit ihren ungefähr 50 Jahren eigentlich eine Autorität ist, als liebenswerte, kokette Powerfrau kennengelernt, den Schalk in den Augen. Jetzt ist alle Freude, aller Mut gewichen. Immer wieder schüttelt sie den Kopf. Keine Lust mehr sich die Haare zu richten, die Nägel zu lackieren, zu essen.

Wir versuchen sie abzulenken, man redet, lacht, weint, trinkt Bier, aber am Abend kehrt Brenda in das Haus ihrer Tochter zurück, zu Geldsorgen und drei traumatisierten Waisen. Und das alles, weil ein Mann eine Frau als Besitz angesehen hat, dessen Verlust sein Ego nicht verkraftet hat. Manche Dinge kann man nicht begreifen.

 

 

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