Challenge: Nicaragua
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Cornerstone – eine unerwartete Entdeckung

Vor zwei Tagen habe ich eine Englisch-Sprachschule besucht, die einen starken Eindruck bei mir hinterlassen hat. Belgüis, ein Mädchen aus meinem Zumba Kurs, hat mich gefragt, ob ich ihre Englisch Klasse besuchen könnte. Da es ihr wirklich ein großes Anliegen war und ich Donnerstags erst um 10 Uhr mit meinem eigenen Englischunterricht beginne, hab ich die Gelegenheit genutzt und bin mit Belgüis um halb 8 Uhr morgens zu ihrem English Institute gefahren.
Dort hatte ich ein kleines Grüppchen an Leuten erwartet, die mir, eventuell etwas schüchtern, ein paar Fragen stellen, aber als wir in den einfachen Räumlichkeiten von „Cornerstone“ ankamen, eine Viertel Stunde vor Unterrichtsbeginn, bin ich sofort von einer Gruppe junger Studierender umringt, die mich mit Fragen überhäufen – von Schüchternheit keine Spur. Ich muss zugeben, ich war überrascht wie gut die Jugendlichen Englisch sprechen, denn nur weil die Leute Englischunterricht haben, bedeutet das nicht, dass sie Englisch können, bzw. sich trauen es zu sprechen.
Zwei Schülerinnen erzählen mir in sehr gutem English, dass sie erst seit zwei Monaten bei Cornerstone sind. Viele haben davor schon eine Sprachschule besucht, viel Geld ausgegeben und keinen Erfolg gesehen, bis sie bei Cornerstone gelandet sind. Als ich nach dem Englischunterricht in der Schule frage, winken sie ab, da kann man gleich gar kein Englisch haben. Belgüis ist seit etwas mehr als einem Jahr dabei und wie die anderen, sehr begeistert von Cornerstone. Sie sagt, es habe sie auch persönlich stark verändert. Sobald der Unterricht anfängt erfahre ich Stück für Stück wieso.
Wir wechseln den Raum in den ein etwas übergewichtiger, älterer Herr in einem Sofa mehr liegt als sitzt. Ich nehme neben ihm auf einen Stuhl Platz und in der Raum füllt sich auf mit bis zu 40 Studierenden, vielleicht auch mehr.
Der dicke Mann ist René Acuña, der Gründer von Cornerstone. Nach einer kurzen Präsentation meinerseits dürfen mir die Studierenden Fragen stellen und überschlagen sich fast dabei. Zack sind 30 Hände oben. Neben den üblichen Fragen (wie mir Nicaragua gefällt, wo ich schon war und was ich hier mache bzw. warum) wollen sie auch wissen was ich von Produkten, die aus recycelten Materialien gemacht wurden, halte, was Demut für mich bedeutet, was ich glaube, was die Stärken und Schwächen Nicaraguas sind und ich bin mir sicher, die Fragen wären noch einiges philosophischer und politischer geworden, wäre Señor Acuña nicht darauf erpicht gewesen mir seine Methoden zu präsentieren.
Er fordert die Schüler und Schülerinnen auf sich von ihren Sesseln zu erheben, raunt mir zu: „Pass auf, so etwas hast du wahrscheinlich noch nie gesehen“. Dann gibt er Konjugierungs-Kommandos und die Studierenden antworten im Chor.

Acuña: „They were happy.“
SchülerInnen im Chor: „Were they happy, they were not happy, were they not happy, they weren’t happy, were they happy, yes, they were, no they were not, no they weren’t”.

Und so geht es weiter im perfekten Stakkato. Er hat recht, so etwas habe ich noch nie gesehen. Das ganze mutet etwas militärisch und sektenartig an und ich beginne mich zu fragen, wo ich hier gelandet bin. Trotzdem setzte ich ein Gesicht auf, das (hoffentlich) eine Mischung aus überraschter Anerkennung zeigt und lächle höflich. Aber gut, skurriler kann es ja nicht werden, oder?

Skurril wirkt
Doch es kann. Nun werde ich gefragt, ob und welche Musik ich mag. Immer Schwierigkeiten mit solchen Fragen, sag ich einfach einmal Alternative Indie Rock. Alle Augen richten sich auf einen Schüler, der wohl als der größte Indie Fan unter allen gilt und der Bursche wird aufgefordert mir doch ein Lied vorzusingen. Und jetzt kommt’s: Er tut es tatsächlich. Geht einfach nach vorne und singt mir ein Lied von den Arctic Monkeys vor.

Wow. Der junge Lehrer der Klasse (das Institut bildet seine Schüler teilweise auch zu Lehrern aus) erklärt mir, dass sie Musik sehr intensiv nutzen um Englisch zu lernen, das leuchtet mir ein. Aber der mutige Arctic Monkeys Fan wird nicht der einzige bleiben, mehrere Schüler und Schülerinnen kommen zu mir nach vorne und singen mir ein Lied vor, während sie dabei auch ständig meinen Augenkontakt suchen – was mich besonders bei romantischen Liedern sehr in Verlegenheit bringt. Trotzdem bin ich schwer beeindruckt.
Die meisten können zwar nicht wirklich gut singen, manche sind auch nicht ganz textfest, aber sie trauen sich vor ihren KollegInnen, ihren LehrerInnen, dem Chef des Institutes und eines ausländischen Gastes ihre Lieblingslieder vorzutragen, und das mit stolz.

Dann plötzlich stehen ein paar Prüfungen an, vier aus dem ersten Level fühlen sich bereit ins nächste aufzusteigen. Es ist eine mündliche Prüfung und Fragen dürfen alle Anwesenden stellen, so haben die Studierenden auch Einfluss darauf, ob jemand aufsteigt oder nicht. Die Stimmung ist wohlwollend, die meisten Anwesenden waren schon in dieser Situation, aber trotzdem sind die armen Prüflinge extrem nervös. Vor so vielen Leuten zu stehen und sich ihren Fragen zu stellen in einer Fremdsprache, das ist echt hart. Ich wüsste nicht, ob ich das könnte.
Der Lehrer muss die Studierenden nicht lange auffordern, wirklich jede/r Studierende hat eine Frage parat. Die Studierenden stehen auf und bitten den Prüfling höflich aber bestimmt dieses oder jenes zu deklinieren oder zu erklären, warum er/sie sich bereit fühlt für den nächsten Level. Ein Mädchen besteht nicht, ein Schüler teilt ihr mit, dass er findet, sie braucht noch mehr Zeit. Eine andere Studentin muss ein Lied vortragen und besteht damit die Prüfung. Mut siegt.

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Dann auf einmal ruft Acuña: „Irina, watch this!“ und eine Studentin tanzt mir einen Lateinamerikanischen Tanz vor, mitten in der Klasse, einfach so. Dann fangen auch andere Studierende an mir etwas vorzutanzen. SchülerInnen aus anderen Klassen kommen dazu, angelockt von der Musik. Eine hübsche Studentin, die wahrscheinlich von der Atlantikküste stammt, tanzt den Palo de Mayo – den traditionellen und sehr sexy Tanz aus der Bluefieldsgegend. Ein schmächtiger, blasser Junge gesellt sich dazu. Keine Scheu! Diesmal komme ich nicht daran vorbei und werde auch aufgefordert mit dem Burschen und mit dem Lehrer zu tanzen. Die Klasse klatscht und johlt. Was für eine Überwindung für mich. Mit all den Hemmungen die ich habe, sollte ich vielleicht auch hier Englischunterricht nehmen!

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Ich kann nur noch staunen. Was ist das hier?
Mir wird erklärt, dass Cornerstone nicht nur reiner Englischunterricht ist, es geht um Persönlichkeitsbildung, Zivilcourage, Umweltbewusstsein, Selbstwert aber auch Spaß und um soziale Kontakte. Sie sehen die Chancen die in der englischen Sprache liegen, sie sehen die Probleme, die Nicaragua hat. Dieser Ort versteht sich als Ausgangspunkt für Nicas, die ihre Gesellschaft verändern möchten, die etwas erreichen wollen im Leben.
Und diese jungen Menschen haben vielleicht das Zeug dazu. Sie besitzen Charme, Selbstbewusstsein und Ehrgeiz, (nicht nur) Nicaragua kann solche Leute gut gebrauchen.
Ab und zu kommen sogar Botschafter vorbei, weil sie hier kompetente Leute finden, erzählt mir Belgüis.
Leider muss ich nach eineinhalb Stunden los, ich muss ja selber noch unterrichten. Mir wird noch die Hymne von Nicaragua vorgetragen und ausgiebig für meinen Besuch gedankt. Aber ich bin es, die dankbar ist. Ich hab mir eine simple Question & Answer Stunde erwartet, was ich bekommen habe, war nicht nur eine super Show, sondern auch eine Entdeckung.
Ich fühle mich sehr inspiriert von all den positiven, mutigen und offenen jungen Menschen.
Ich freue mich, einmal richtig viele junge, motivierte und gebildete Nicas zu treffen.

Daheim fange ich sofort an zu recherchieren. Viel finde ich nicht, nur einen Artikel über die Schule in La Prensa, einer nicaraguanischen Zeitung, und die Facebookseite von Cornerstone. 4,215 Likes hat seine FB Seite, in Foren durch die Bank positive Empfehlungen.Cornerstone gibt es nur in Nicaragua, dafür aber sieben Institute.
Ich habe angenommen, dass es sich um eine reine Eliteschule handelt, aber im Gegenteil, für 80 Stunden (zwei Monate) Unterricht zahlt man nur U$30, das inkludiert schon das Textbook, Verblisten, 2 CDS und die Aufnahme der Unterrichtseinheiten. Natürlich, meine Leute in Walter Ferrety könnten sich das nie im Leben leisten, aber für eine Sprachschule ist das wirklich günstig.

Gerne würde ich mehr über Cornerstone erfahren. Handelt es sich um ein revolutionäres Lernmodell, oder liegt der Erfolg einfach daran, dass die LehrerInnen Englisch sprechen können (was sie ja in den meisten Fällen hier nicht tun)? Señor Acuña scheint schon so etwas wie ein Guru zu sein. Er war mir ehrlich gesagt – im Gegensatz zu seinen SchülerInnen – nicht sonderlich sympathisch, aber seine Methoden wirken ganz offensichtlich. Die Leute sprechen nicht nur gut Englisch, sie sagen auch, Cornerstone habe ihr Leben verändert. Sie trauen sich mehr zu. Nachdem, was ich gesehen habe, glaube ich ihnen das sofort.

Hätte ich diese Schule früher entdeckt, wer weiß, vielleicht hätte ich mehr Freundschaften mit Nicas in meinem Alter schließen können. Schließlich bin ich die meiste Zeit von Kindern und älteren Menschen bzw. auch ein paar jungen Menschen mit allen möglichen Limitationen umgeben. Aber dieses aufgeschlagene Kapitel ist nur noch ein guter Grund wieder nach Nicaragua zu kommen.

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