Challenge: Nicaragua, Escape
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Abschied süß-sauer

„Nicaragua, Nicaraguita, la flor mas linda de mi querer, abonada con la bendita, Nicaraguita, sangre de Diriangén. Ay Nicaragua sos mas dulcita, que la mielita de Tamagas, pero ahora que ya sos libre, Nicaraguita, yo te quiero mucho mas. pero ahora que ya sos libre, Nicaraguita, yo te quiero mucho mas.“ (Carlos Mejia Godoy)

In ein paar Stunden verlasse ich Nicaragua – ein Land, in dem es noch soviel zu entdecken gäbe, ein Land, das mich auf vielen Ebenen herausgefordert hat, dessen Menschen ich sehr, sehr ins Herz geschlossen habe und das nun für immer ein Teil von mir ist. Ich gehe mit einem lachenden und einem weinenden Auge. Ich freue mich sehr auf Daheim, aber als ich heute wirklich zum letzten Mal Adios sagen musste, bin ich doch sehr wehmütig geworden.

So gern ich reise und länger an einem Ort lebe um die Menschen besser kennenzulernen, der Abschied schmerzt. Man verdrängt es, aber ruck-zuck hat man plötzlich Beziehungen entwickelt, und wieder mehr Leute, die einem fehlen werden, wenn man geht. Aber es ist auch schön so, anders wäre es wohl wirklich traurig.

Die ganze Woche habe ich mich gestresst deswegen, wollte es allen recht machen, wollte alles unter einen Hut bringen, bin zwischen drei Häusern gependelt, jeden sehen, noch dieses und jenes erledigen, wollte noch soviel tanzen wie möglich, soviel sehen wie möglich, konnte kaum schlafen, meine Gedanken immer am rasen, rasen, rasen. So wie jetzt, so kurz vorm Flug (noch 3 Stunden, dann muss ich schon wieder aufstehen), ich sollte wirklich schlafen. Sollte das hier vor Fehlern strotzen – ich bin eigentlich gar nicht mehr wach glaub ich.

„No te vayas“            

Der Abschied von meinen SchülerInnen war sehr bewegend. Wie bei meinem Nervenzusammenbruch vor zweieinhalb Monaten, musste ich beim Verlassen meiner Klasse sehr mit den Tränen kämpfen, diesmal aber vor Rührung. „No te vayas“, „Geh nicht“, kam es von allen Seiten und immer wenn ich über den Schulhof kreuzen musste, war ich von einer Horde Kinder umringt, die mich beim Versuch mich zu umarmen und zu herzen, fast umgeworfen haben. Ich weiß jetzt wie sich Teenie-Popstars fühlen.

Auch die Lehrerinnen und die Leute vom Amucobu-Team haben sich mit einer Herzlichkeit von mir verabschiedet, die mich überwältigt hat. All diese lieben Wünsche und Gebete für mich und meine Zukunft, all die positive Energie behalte ich im Herzen.

El Día de la Madre
An meinem letzten Schultag wurde Muttertag gefeiert, der am darauffolgenden Tag stattfand (30. Mai) – ein Feiertag in Nicaragua. Für diesen Anlass hatte ich mit ein paar Schüler und Schülerinnen zwei englische Muttertagslieder einstudiert. Ich war mir zuerst unsicher, ob ich etwas organisieren sollte, da die meisten Kinder mehr Interesse an meiner Person als am Englischunterricht hatten und generell wenn es ums Englisch sprechen ging sehr, sehr verhalten waren. Aber zu meiner Überraschung hat es super funktioniert und wieder einmal bin ich mir bewusst geworden, dass ich mir mehr zutrauen und vor allem auch meine eigenen Ideen mit mehr Selbstbewusstsein verfolgen sollte.

Nachdem ich dann noch ungefähr 200 Herzen in Kindergesichter gemalt habe (ich hatte ja Theaterschminke nach Nicaragua mitgenommen, die wegen der Umstände vorher nie benutzt werden konnte), hab ich auch noch mit dem Team von Amucobu Abschied gefeiert, jene Leute, mit denen ich die meiste Zeit verbracht habe: Doña Esmeralda, Doña Brenda, Maria, Fatima, Gustavo und Tanja. Sie haben gekocht, ich hab das Bier besorgt und die erbärmlichen Reste von dem was eine Sachertorte hätte werden sollen mitgebracht. Und dann haben wir getanzt, Gustavo hat wie immer seine Gitarre ausgepackt und unsere Lieblings-Lieder gespielt und gesungen und während ich das schreibe, weiß ich jetzt schon, dass mir diese kleinen Feste sehr fehlen werden.

Aber nicht nur das:

Was ich außerdem vermissen werde

  1. Die herzliche und hilfsbereite Art der Nicas
  2. Die Vulkane, die Dschungel, die Lagunen, das Meer
  3. „Nicañol“ und die vielen Redewendungen (und weil ich nach drei Monaten hier, mich endlich traue „dale, pue(s)“ wie die Nicas zu verwenden)
  4. Dass immer getanzt wird egal wer zuschaut, egal wie man ausschaut dabei
  5. Die bunten Busse
  6. Das vorbildliche Verhalten der Leute im Bus trotz ständiger Überfüllung
  7. Die Musik im Bus
  8. Überhaupt dass immer überall Musik tönt
  9. Mein Zumbakurs
  10. Die chaotischen Märkte
  11. Die vielen spontanen Gespräche mit Fremden
  12. Mangos, Papayas, Zapote, Guanabana, Icaco, Coconut…
  13. Die genialen Secondhand-Läden
  14. Das entspannte Verhältnis zu körperlichen Rundungen
  15. Das Schmatzen der Geckos
  16. Gallo Pinto, Nacatamal, Porpusas, Güirila
  17. Nicalibre und Toña (Bier)
  18. und natürlich die lieben Menschen, die ich hier kennengelernt habe.

Natürlich gibt es auch ein paar Dinge, die ich nicht so sehr vermissen werde:

  1. Erdbeben
  2. Die absurde Hitze
  3. Das Schwitzen
  4. Den Staub
  5. Ständig Durchfall durch Parasiten, Wasservergiftung und was weiß ich alles
  6. Den Müll, der immer und überall achtlos auf die Straße geworfen wird, selbst wenn ein Mistkübel vorhanden ist
  7. Dass die Busse losfahren während die Leute noch einsteigen
  8. Ständig und überall so aufzufallen
  9. Die brutalen Fernsehnachrichten, die bei mir Übelkeit erzeugen
  10. Das Handynetz von Claro, dass den Sms-Speicher täglich mit Werbung überflutet
  11. Wäsche mit der Hand waschen
  12. Wassermangel (in vielen Gebieten, wie etwa auch Walter Ferrety)
(Bis auf die Hitze, alles erträglich – das nächste Mal komm ich halt im Winter wieder)

Nicaragua, du schönes, seltsames Land! Es war nicht immer einfach, aber es war immer aufregend und diese Erfahrungen kann mir niemand mehr nehmen. Ich habe viel gelernt in meiner Zeit hier und ich hoffe, ich kann mir all das bewahren: das Wissen, dass ich alles schaffen kann, aber nicht alles schaffen muss; Mut zur Imperfektion; Gelassenheit, wenn die Dinge anders kommen, als man glaubt und wenn etwas nicht funktioniert; Improvisation; die Freude am Tanzen, am Schreiben, am Reisen allgemein und an den Menschen selbst; die Dankbarkeit für das Leben das ich habe und natürlich würde ich auch gern, das was ich an Spanisch gerlernt habe nicht nur halten, sondern verbessern.

Es ist ein süßer aber auch trauriger Abschied, er gehört nun mal zum Reisen dazu, aber es ist ganz bestimmt kein Abschied für immer.

 

 

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